„Warum in die Ferne schweifen? Sieh das Gute liegt so nah,“ bemerkte schon der gute alte Goethe und er hatte mal wieder recht.
Um antike Figuren zu sehen, könnte man natürlich nach Rom, Paris oder London fahren. Auch in den Museen in München und Berlin gibt es beachtliche Sammlungen.
Aber eigentlich muss man keine weiten Reisen auf sich nehmen. Denn Büsten antiker Philosophen und Politiker oder Statuen griechischer und römischer Götter aus dem klassischen Altertum können dreidimensional und aus unmittelbarer Nähe auch in Rostock betrachtet werden.
Gut, es handelt sich hier nicht um Originale aus Marmor, sondern „nur“ um Gipsabgüsse, die im ehemaligen Hörsaal 4 in der Ulmenstraße 69 ausgestellt werden.
Aber „man kann direkt am Stück studieren. In mancherlei Hinsicht ist das schon von Vorteil“, unterstreicht Marcel Pantke die Bedeutung der Abguss-Sammlung des Heinrich Schliemann-Instituts der Universität. Der 33-Jährige hat in Rostock klassische Archäologie studiert und weiß die Sammlung zu schätzen. „Man geht auf jeden Fall anders an die Abbildungen heran und fährt auch eher zu den Originalen“, erklärt der Altertumswissenschaftler, der die meisten Stücke früher nur aus Büchern kannte.

Nun präsentiert das Heinrich Schliemann-Institut erstmals alle Bestände umfassend, und zwar nicht nur für Studenten, Professoren und Mitarbeiter der Universität. Immer freitags zwischen 14 und 16 Uhr ist es auch anderen Interessierten möglich, die Ausstellung in dem etwa 300qm großen Saal zu besuchen. Sie können hier an den zumeist schneeweißen Exponaten entlangwandeln, sie studieren oder einfach nur ihre Schönheit genießen.

In Greifswald wurde sogar schon ab 1845 eine Abguss-Sammlung gegründet. Allerdings ist sie während des Krieges und in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gänzlich zerstört worden. Auch die Rostocker Sammlung musste durch Kriege und auch später noch schmerzliche Verluste verkraften. So wurde 1958 ein Großteil an die Humboldt Universität in Berlin abgegeben, wo die meisten Stücke verloren gingen.

Vor allem als didaktisches Instrument für Studenten der Kunstgeschichte oder Archäologie dienten die Gipsfiguren ursprünglich. Aber auch wohlhabende Bürger schmückten sich gern mit Kopien antiker Skulpturen. „Im 19. Jahrhundert wollte jeder einen Pompeius haben“, erzählt Marcel Pantke, der die Ausstellung während der Öffnungszeiten beaufsichtigt.

Ebenfalls etwas Besonderes dürfte der Wagenlenker von Delphi sein, eine der wenigen Bronzeabgüsse der Sammlung. Zum Original aus der Zeit der frühen Klassik gehörten ursprünglich auch noch ein Wagen und ein Pferdegespann. Die wurde bei einem Erdbeben zerstört. Der Wagenlenker ist erhalten geblieben und steht heute im Museum von Delphi.
Aber wie gesagt, warum nach Paris und Delphi reisen, wenn ihr den Wagenlenker von Delphi, die Aphrodite von Melos und noch viele weitere Abbilder antiker Persönlichkeiten auch in Rostock in der Abguss-Sammlung betrachten könnt.