
Ernesto Cardenal wurde 1925 geboren und kann heute auf ein ereignisreiches Leben zurückschauen. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaft und schlug anschließend eine kirchliche Laufbahn ein, im Rahmen derer er 1965 auch zum Priester geweiht wurde. Nach der Revolution in seinem Heimatland war er für acht Jahre Kulturminister. In dieser Zeit erfolgte der Bruch mit der katholischen Kirche. Als Folge daraus wurde ihm 1985 der Priestertitel aberkannt. Seitdem setzt er sich weiterhin politisch ein und gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Südamerikas. In seinen Texten betrachtet er aber nicht nur kritisch Themen wie Revolution oder das Wertesystem der Menschen, sondern auch Liebe, Religion und weltliche Angelegenheiten.

Sie gaben dem Abend mit ihren vertonten Gedichten, feuriger, lateinamerikanischer Musik und spannenden Klangcollagen eine besondere Note. Mit Ernesto Cardenal verbindet sie eine langjährige Freundschaft und ein gemeinsames Interesse für humanitäre Projekte, was schon zu mehreren deutschlandweiten Konzertreisen führte.
Die vom Verein Talide organisierte Veranstaltung in der Nikolaikirche war sehr gut besucht. Etwa 1000 Gäste wollten Ernesto Cardenal einmal live lesen hören. Dabei ist natürlich fraglich, wie viele von ihnen wirklich die spanischen Ausführungen des Autors verstehen konnten. Zum Glück übersetzte Roberto Deimel von der Grupo Sal die Ausführungen von Cardenal. Die übersetzten Texte wurden von dem Schauspieler Klaus Götte vorgelesen.
Die Texte, die der 86-jährige ausgewählt hatte, gaben einen guten Überblick über sein gesamtes Schaffen. Er begann mit einem Auszug aus seinem Werk Cántico cósmico. Dieser Gedichtband mischt wissenschaftliche Themen der Astronomie mit einer philosophischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ebenen des menschlichen Seins. Auch wenn ich kein Wort spanisch kann, war die Art, wie Cardenal den Text vortrug, schon sehr beeindruckend.

Nach einer Pause ging ein Korb durch das Publikum, mit dem die Gäste um Spenden für humanitäre Projekte in Peru und Nicaragua gebeten wurden. Dass es vielen Menschen dort schlecht geht, veranschaulichte das Gedicht „Das Handy“, welches auf die Ausbeutung von Abertausenden Menschen im Kongo aufmerksam macht. Dort wird, teilweise von Kindern, das Mineral Coltan abgebaut, was zum Bau von Mobiltelefonen benutzt wird. Die Arbeit findet unter menschenunwürdigen Bedingungen statt und es geht wie so oft auf der Welt nur um den Profit.

Den Titel des Abends „Den Himmel berühren“ las Cardenal in einem Gedicht von Novalis. Und wo könnte man besser den Himmel berühren, als in einer Kirche. Leider war die Akustik nicht so himmlisch, sodass vor allem bei den Lesepassagen viel Konzentration notwendig war. Aber das schien die Leute nicht weiter zu stören, gab es doch am Ende des Abends lang anhaltenden Applaus und sogar stehende Ovationen für die Künstler.