Wenn man in Rostock eine Straßenbahn mit der Nummer sieben sieht, dann wird ein Fahrschüler auf seinen zukünftigen Dienst vorbereitet. Wer jedoch in den letzten Tagen einen Bus mit der Aufschrift „Linie 7“ sah, der hat einen Teil eines genialen Theaterprojektes gesehen.
Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartete, als ich mich in winterfester Kleidung, wie es auf der Homepage gefordert war, zur Kunsthalle begab. Dort angekommen, gelangte man in einen Raum, in dem sich eine Kunstinstallation befand. Marian Luft, der für das gesamte Bühnenbild des Projektes verantwortlich war, hatte ins Zentrum eine angedeutete Holzhütte gesetzt und drum herum Fernseher angeordnet, auf denen in Endlosschleifen Filmausschnitte liefen. Es ging um die Lebenswelt von anderen Menschen, um Armut und um Hilflosigkeit.

Das Projekt von Christoph Martin Schmidt ist Teil des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Rauchstein verriet, dass insgesamt zwei Millionen Euro an Fördergeldern bereitgestellt wurden, die Hälfte aber allein in die Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums ging. 39.000 Euro wurden der „Linie 7“ zur Verfügung gestellt.
Der Umgang mit der Politik wurde auch im weiteren Verlauf kritisch betrachtet. So sprach ein Vertreter des Arbeitsministeriums zu den Anwesenden und verlieh den Preis „Mutmacher 2010“ an Marian Luft. Jedoch gehörte dies alles mit zur Show und der Politiker war in Wahrheit Schauspieler.

Die Stadtrundfahrt verlief nicht so wie erwartet. So sollten sich nicht die Gäste die Stadt anschauen, sondern die Stadt sollte auf die Gäste schauen. Sie sollten ein Teil werden und mit dem Bus in einen Neuanfang starten. Das Ganze wirkte teilweise wie ein Managerseminar und Kolosko schwor die Fahrgäste mit einem Stück aus Frau Trude, einem Märchen der Gebrüder Grimm, auf das Bevorstehende ein. Es sollte ein Auto verbrannt und so ein Neuanfang gemacht werden.

Dann fiel ein Lichtschein auf eines der Fenster, in dem Lukas Rauchstein mit seinem Akkordeon bereit saß.

Zwischenzeitlich hielt der Bus und Gäste aus dem Asylbewerberheim Satower Straße stiegen hinzu. Mit zwei Akkordeonspielern, 40 regulären Busgästen und weiteren circa 15 Hinzugestiegenen war es zwar verdammt voll im Bus, doch die Stimmung kochte. Bis zur Endhaltestelle Kunsthalle wurde gesungen und gefeiert. Dort war das Projekt aber immer noch nicht zu Ende.

Die Fahrt mit der Linie 7 war ein außergewöhnliches Erlebnis. Gleichzeitig heiter, aber auch zum Nachdenken anregend, wurde offensiv mit dem Thema soziale Ausgrenzung umgegangen. Am Freitag fährt die Linie 7 zum letzten Mal ab. Vorher gibt es im Rahmen des Projektes am Donnerstag noch eine Lesung im Hanse-Jobcenter mit Jörg Klare. Den Abschluss des Projektes wird eine Schiffsrundfahrt am Sonntag markieren, die sich mit den Schauplätzen und Geschichten des Rostocker Schiffbaus beschäftigt.