13. Rostocker Lyriknacht im Literaturhaus
Mecklenburg-Vorpommern wählt den Lyrikmeister 2010
20. November 2010, von Olaf
„Wenn der Wind kommt, will er zur Silberpappel. Ihre Blätter kämmt er, dass sie rauschen.“ Bläst er 100 Freunde der lyrischen Worte ins Peter Weiss Haus, dann ist die Zeit reif für die Rostocker Lyriknacht..
Zum 13. Mal veranstaltete das Literaturhaus Rostock gestern Abend die Lyriknacht und es ging dabei um nicht weniger als die Wahl des Lyrikmeisters Mecklenburg-Vorpommern 2010, nicht zu vergessen natürlich auch um die passende Trophäe in Form eines übergroßen Stiftes. Aus 53 eingereichten Beiträgen wählte die Jury 13 Teilnehmer aus, die ihre Texte live dem Publikum präsentieren durften.

Wer gewonnen hat? Geduld. „Romantische oder neo-romantisch aufgeladene Bilder mit echter Erfahrung zu füllen“, das sei es, was die Jury an den Gedichten des Neubrandenburgers Eberhard Schulze beeindruckt hätte. Und zwar keineswegs nur an der eingangs schon erwähnten Silberpappel.
Mangel an Lebens- und Leidenswelt? In Bildern wie dem „gespaltenen Pfirsichstein“ als „Sinnbild Deines Geschlechts“ habe dieser seinen Gegenpart gefunden, lobte Jurymitglied Steffen Dürre von der Literaturzeitschrift Weisz auf Schwarz. Belohnt wurden Schulzes emotionale Bilder mit dem 3. Platz – Glückwunsch!
Ganz anders präsentierte sich Martin Badenhoop aus Rostock, der mit einer Poetologie antrat und es mit der Startnummer zwei auf den zweiten Platz und damit zum Vize-Lyrikmeister 2010 schaffte.
Sich mit der ihn „unmittelbar umgebenen regionalen zeitgenössischen Lyrik und mit den Lyrikern“ auseinanderzusetzen, gefiel der Jury besonders gut. Und „dass jemand Kollegen disst“, sei ganz wunderbar.

Bei seiner Anspielung („Nein, Poesie darf nie carloihde werden.“) sei es ihm jedoch nicht um die Person des ebenfalls teilnehmenden Carlo Ihde gegangen, betonte Badenhoop, sondern nur um das lyrische Schaffen, ganz im Sinne der alten Dichterstreit-Traditionen. Das dürfte auch die Jury so gesehen haben, war es für sie doch einfach ein schönes „Indiz dafür, dass es eine Dichterszene in diesem Land gibt.“
Nicht weniger interessant als seine Texte ist auch der Lebenslauf von Martin Badenhoop. Aufgewachsen in der Nähe von Kiel absolvierte der heute 27-Jähige nach seinem Hauptschulabschluss zunächst eine Maurerlehre. Vom Wunsch geprägt, Philosophie zu studieren, holte er sein Abitur nach und studiert jetzt an der Uni Rostock Philosophie und Germanistik auf Lehramt. Warum gerade Rostock? Um sich der Neuen Phänomenologie zu widmen. Nur an der Universität Rostock würde es eine Professur für phänomenologische Philosophie geben.
Angefangen mit der Lyrik hat es 2007, erzählt Badenhoop. Ralf Rothmann (zufällig ebenfalls ein gelernter Maurer) sei Schuld, er habe ihn inspiriert. Nicht zu vergessen Helmut Krausser, den er sehr bewundere und von dem er alle Tagebücher gelesen hat.
Und was macht man, nachdem man gerade Vize-Lyrikmeister geworden ist? Man geht ins Momo und legt Platten auf. Sei dies doch seine zweite Passion, bekennt der sympathische Funk’n’Soul -Fan.

Nun aber, Trommelwirbel, zum Sieger des gestrigen Abends. Publikum und Jury waren sich einig: Der Publikums- und Lyrikmeister Mecklenburg-Vorpommern 2010 heißt Gunter Lampe.
Nicht zum ersten Mal übrigens, bereits 2006 gelang dem Stralsunder Heilerzieher das Double, in der Jury- und Publikumsgunst ganz vorne zu liegen. Sein Erfolgsgeheimnis? Eine Erfolgsgarantie gibt es in der Lyrik nicht, wehrt Lampe ab, so habe er es 2007 mit seinen eingereichten Beiträgen gar nicht erst in die Endrunde geschafft.
Auf den Kontakt mit dem Publikum komme es an, betont der 37-Jährige. Überraschende Wendungen einzubauen, sich zu überlegen, „was würde zünden“, das sei ihm sehr wichtig.
Viel Alltag finde sich in seinen Gedichten, erläutert Lampe. Anfangs widmete er sich mehr dem Größerwerden der Kinder. Der Wunsch, als Vater „die Zeit anzuhalten“ sei dabei wohl die Motivation gewesen. Kinder spielen inzwischen keine Rolle mehr, jetzt sei es eher der Alltag, verknüpft mit heiteren Aspekten – das Ganze lyrisch getragen.
„Ich musste lernen, Pausen zu machen“, beschreibt der Hobby-Fußballer seine Entwicklung. „Früher bin ich oft vom Fahrrad abgestiegen, um mir spontan Notizen zu machen.“ Inzwischen sei er beim Schreiben doch sehr viel entspannter.

Als gelungene „Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Pointe“ lobte die Jury seine Texte. Man merkt, Lampe hat sichtlich Spaß beim Spiel mit den Worten und das Publikum hat Spaß an seinem Spiel – Wortwitz, Ironie, aber nie der Pointe willen und immer das eigentliche Thema vor Augen.
„Meine Entschuldigung, die simse ich Dir, wenn Du über die Straße gehst, in Dein Displayraster, in der Hoffnung es kommt, wenn Du sie liest, ein Laster.“ Mit solchen Texten gewinnt man nicht nur die Herzen des Publikums, sondern auch ganz verdient den Titel des Lyrikmeisters!
Was es sonst noch gab in der 13. Lyriknacht? Zehn weitere tolle Beiträge von Meistern des Wortes, für die der Platz leider mal wieder nicht reicht. Stimmungsvolle Pianomusik von Rainer Kählig, tolle Kostproben des Jurymitglieds Jörg Schieke und – auch das sei erwähnt – ein ausgesprochen gelungenes Bühnenbild.
Weiter geht es auf literarischen Pfaden bereits am nächsten Freitag, wenn ab 19:30 Uhr im Literaturhaus die druckfrische Herbst-Ausgabe der Literaturzeitschrift Risse vorgestellt wird.