
Als ich mich der Haltestelle nähere, s(ch)wingt die Bahn schon voll besetzt auf den Gleisen. Innen kulturelles Kontrastprogramm: dicht an dicht Fußballfans, grölend und hüpfend. Einen tanzenden Triebwagen kann der Straßenbahnfahrer nicht steuern. Also schnell ein anderes Gefährt gesucht, die Theater-Vorstellung beginnt bald. Das dachten auch eine Schauspielerin, der Bekannte eines Schauspielers und ein junger Jurist, die ebenfalls wieder auf die Straße sprangen und mit denen ich mich in einem Taxi wiederfand. Letzterer kann mit Tanz, erst recht nicht mit modernen, kaum etwas anfangen, gehe eigentlich nur wegen seiner Begleitung ins Theater, erzählt er auf der Fahrt gespreizt. Immerhin übernimmt er großzügig die Taxirechnung für die Rückbänkler.

Zum ersten Mal im Rostocker Volkstheater werden sie live von Musikern begleitet. Vor der Bühne hat die Norddeutsche Philharmonie Platz genommen. Ziemlich weit auseinander sitzen die Musiker. Ganz rechts außen befindet sich die Percussiongruppe, die zwischen den einzelnen Stücken des ersten Teils mit Schlagzeug-Improvisationen glänzt.
Die Musik unter der Leitung von Manfred Hermann Lehner breitet sich von allen Seiten vor mir aus. Ein sehr reizvoller Raumklang, der durch Musik aus der Konserve und Musiker auf der Bühne ergänzt wird.
Das Besondere an dieser Aufführung ist nämlich, dass sich zuweilen auch die Musiker – Bläser und Streichtrio – den Bühnenraum mit den Tänzern teilen.
Für den Konzertmeister Markus Hoba ein tolles Gefühl. „Auch mal den Tänzern von Nahem zuzuschauen, finde ich ganz interessant. Es ist eine erstaunlich intensive Aktion, die sie da vollführen“, berichtet der Violinist, der auch den etwas andersartigen Kontakt zum Publikum als angenehm empfindet.

Es geht um Liebe, Konflikte, Spaß. Unterschiedliche Stimmungen und Gefühle werden durch sie in „1st Danceworks with Orchestra“ musikalisch und tänzerisch zum Ausdruck gebracht und in kleinen Arbeitsproben aneinandergereiht. Es geht weniger um eine umfassende Handlung, sondern viel mehr um die ästhetische Qualität. „Mir war es wichtig, gute Musik und ein schönes tänzerisches Bild zu zeigen“, erklärt Bronislav Roznos.
Überbrückt werden die einzelnen Komponisten-Stücke im ersten Teil durch Schlagzeug-Improvisationen, die auf Grundmaterial aufgebaut sind, die Takashi Yoshimatsu in seiner zweiten Sinfonie „At Terra“ verwendet. Die drei Sätze Ost, West, Süd bilden den zweiten Teil des Tanzabends.

Allein, zu zweit oder in der Gruppe bewegen sie sich miteinander, gegeneinander, frei, aber auch in traditionellen Tanzformen in einem schwarzen Raum.
Weiße Linien auf den Flächen geben Richtungen vor und kommen auf den Zuschauerraum zu. Rote, unterschiedlich große geometrische Körper, die transportiert und bespielt werden können, ermöglichen es den Raum in mehreren Dimensionen zu erkunden. Zum Schluss stapeln die Tänzer alle Teile scheinbar kreuz und quer aufeinander und pferchen sich einzeln in den Spalten wie unter Trümmern ein. Mit diesem kompakten Chaos-Standbild endet nach gut zwei Stunden „1st Danceworks with Orchestra“, das vom Publikum mit viel Applaus belohnt wird.
Weitere Vorstellungen zeigt das Volkstheater am 23. und 27. Oktober sowie am 6. und 25. November.