Muslime, Christen und Juden versammeln sich in der Marienkirche
2000 Menschen gegen Pegida, MVgida und Rogida – Interreligiöse Begegnung in der Marienkirche
13. Januar 2015, von Stefanie
Hevenu Shalom alechem tönte es gestern einstimmig durch die Jahrhunderte alte Marienkirche, zwei Strophen auf jüdisch und eine auf Deutsch: „Wir wünschen Frieden euch allen.“ Christen, Juden, Muslime, Menschen mit und ohne Religion reichten sich die Hände. „Dass wir hier zusammen sind, ist alles andere als selbstverständlich, denn eine lange Gewaltgeschichte der Religionskriege liegt wie ein Schatten auf uns“, erklärte Pastor Tilman Jeremias von der evangelischen Innenstadtgemeinde in seiner Begrüßung. Doch die Ereignisse um Pegida, Rogida und MVgida, die ein vermeintlich christlich-jüdisches Abendland gegen den Islam schützen wollen und deshalb auf den Straßen vieler Städte demonstrieren, sowie die Trauer angesichts der Anschläge auf Journalisten, Polizisten und jüdische Menschen in Paris hat die Menschen in der Marienkirche zusammenkommen lassen.

Die Kirchenbänke waren voll besetzt, viele Menschen blieben am Rande stehen. „Wir wenden uns dagegen, politischen Frust auf dem Rücken der Schwächsten abzuladen, der Flüchtlinge und Muslime unter uns“, fasst Tilman Jeremias das Anliegen zusammen und überlässt dann den Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen in Rostock das Wort. Dr. Maher Fakhouri von der islamischen Gemeinde, Juri Rosov von der jüdischen Gemeinde und Klaus-Dieter Kaiser von der evangelischen Akademie lesen abwechselnd Texte aus den Heiligen Schriften, dem Alten und Neuen Testament, dem Koran über Gastfreundlichkeit vor. „Denn“, so Jeremias, „der Glaube an den einen Gott ist uns gemeinsam bei allen Unterschieden zwischen uns.“ Musikdarbietungen vom jüdischen Chor, von Kantor Karl-Bernhardin Kropf an der Orgel und Hikmat al-Sabty geben Einblick in den ästhetischen Schatz, den so eine kulturelle Vielfalt mit sich bringt und wechseln sich mit Ansprachen von Angie Zendeh vom Bahai-Zentrum und Hikmat al-Sabty als Mandäer sowie einer Gebetsstille ab. Am Ausgang wurden Spenden für den Bau einer Moschee in Rostock gesammelt.

Viele schlossen sich danach dem Demonstrationszug durch die Kröpeliner Straße in Richtung Kröpeliner Tor an, wo eine Kundgebung unter dem Motto „Rostock für alle“ stattfand. Bereits am Nachmittag gab es einen Umzug von der KTV zum Hauptbahnhof, von wo einige Rostocker nach Schwerin und Stralsund fuhren, um dort gegen die MVgida-Demonstrationen zu protestieren.
Insgesamt nahmen an den drei Rostocker Aktionen des Bündnisses „Rostock nazifrei“ etwa 2.000 Menschen teil, so die Veranstalter. Der Aufruf war als Gegenpositionierung einer ursprünglich für diesen Tag angemeldeten Demonstration des Pegida-Ablegers Rogida geplant, die aber wohl unter dem Eindruck der Gegendemo am letzten Montag abgesagt wurde.