Erinnert sich vielleicht noch jemand an „Tante Mieze“? Wenn ja, dann sicherlich nur die älteren unter unseren Lesern. Denn „Tante Mieze“ wirkte bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Rostock. Aber vielleicht ist man ihrem bürgerlichen Namen, Marie Bloch, schon einmal begegnet. Am Beginenberg beispielsweise, wo eine Kindertagesstätte nach ihr benannt wurde oder vor dem Haus in der Paulstraße 5, wo ein Stolperstein an sie erinnert.
Eine Ausstellung der Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Rostock im Max-Samuel-Haus widmet sich noch bis zum 7. Juli dem Leben und Wirken der Rostocker Reformpädagogin und Kindergärtnerin Marie Bloch, die auch liebevoll „Tante Mieze“ genannt wurde.
Kuratorin und Historikerin Steffi Katschke hat zahlreiche Dokumente, Briefe, Fotos und auch altes Spielzeug aus Archiven und von Privatpersonen zusammengetragen, um Marie Blochs Leben von der Geburt, über ihre Kindheit, Ausbildung und Tätigkeit in Rostock bis zu ihrem Tod nachzuzeichnen.
Geboren 1871 als fünftes von sieben Kindern des Verlagsbuchhändlers Adalbert Bloch, wuchs sie in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sie ließ sich an einem Lehrerinnenseminar ausbilden und absolvierte später eine Weiterbildung zur Kinderpflegerin am Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin.

Ihre Arbeit überzeugte. Ab 1919 war Marie Bloch Oberleiterin der städtischen Kinderfürsorge und engagierte sich im Rostocker Frauenverein. Mit ihrer Schule konnte sie jungen Frauen eine gute Ausbildung bieten. Bis Mitte der 1930er Jahre leitete sie ihre Einrichtung erfolgreich. Dann sah sie sich zunehmend den Ausgrenzungen durch die nationalsozialistische Gesetzgebung ausgesetzt, hatte mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und musste das Haus verkaufen.
Am 11. November 1942 wurden sie mit anderen Rostocker Juden in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort starb sie im April 1944 im Alter von 73 Jahren.
Der Deportationsbefehl zählt zu den bedeutsamsten Exponaten in der Ausstellung, so die Kuratorin. Aber auch die persönlichen Briefe haben bei Steffi Katschke während der Vorbereitung einen starken Eindruck hinterlassen. Neu war für sie die Entdeckung, dass Marie Bloch bereits ein halbes Jahr nach ihrer Geburt evangelisch getauft wurde und nicht, wie bisher angenommen, erst viel später. Da drei ihrer vier Großeltern jedoch jüdisch waren, galt sie in der NS-Zeit als Voll-Jüdin und musste ein grausames Schicksal ertragen.

Von weiteren Erinnerungen an „Tante Mieze“ wird voraussichtlich Ende Juni die Großnichte erzählen, informiert Steffi Katschke.
Bis dahin kann die Ausstellung dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung besichtigt werden. Der Eintritt kostet zwei Euro. Bis zum 18. Lebensjahr ist er frei. Am 8. und 30. März findet jeweils um 16 Uhr eine Führung mit der Kuratorin Steffi Katschke statt, die vier Euro kostet.
Die Ausstellung zu Marie Bloch gehört zu einer Reihe über jüdische Persönlichkeiten aus Rostock. Zuvor hatte es bereits eine zum Namensgeber des Hauses Max Samuel gegeben. Voraussichtlich ab August ist eine weitere über Richard Siegmann geplant.