Nicht nur die viel bewunderte Backsteingotik gehört zu Rostocks Architekturgeschichte. Seit dem letzten Jahrhundert wird der größte Teil des Stadtbildes von sogenannten Neubauten geprägt, die mittlerweile auch schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben, waren sie doch zu DDR-Zeiten das Allzweckmittel, um der Wohnungsnot zu begegnen. In seiner aktuellen Sonderausstellung wirft nun das Kulturhistorische Museum einen Blick auf dieses Kapitel der Rostocker Stadtgeschichte und nähert sich damit auch der Lebensumwelt der Einwohner dieser Stadt.
Historische Fotos aus den eigenen Beständen und dem Bundesarchiv ergänzt durch ausgewählte Dokumente zeigen chronologisch die Entwicklung Rostocks als Bezirkshauptstadt und Vorzeigestadt. Über die zentrale Planung, Kunst am Bau, das Wohnungsbauprogramm der DDR und das Wohnungsbaukombinat im sozialistischen Wettbewerb informieren zusätzliche Texte.
Der DEFA-Dokumentarfilm „Willkommen in Rostock“, der 1965 zur Ostseewoche gedreht wurde, präsentiert mit gestellten Aufnahmen das politisch gewollte Selbstbild Rostocks als moderne junge Stadt an der Ostsee.
Ausgestellt werden auch die originalen Messemodelle der Wohnblöcke, darunter der legendäre Typ Wohnungsbauserie (WBS) 70, der Sinnbild für die Monotonie und Uniformiertheit der DDR-Plattenbausiedlungen schlechthin geworden ist und von dem es insgesamt 1,2 Millionen gleiche Wohnungen in der DDR gab. Aber auch Sondertypen wie den WBR 83 R, der extra für Rostock entwickelt wurde und der heute in Toitenwinkel und teilweise in Dierkow zu sehen ist, zeigt die Ausstellung.

Es folgten die Stadtteile Südstadt, Lütten Klein, Evershagen, Lichtenhagen, Schmarl, Groß Klein, Dierkow und Toitenwinkel, das erst nach der Wende - dann in einem anderen Stil - fertiggestellt wurde. Jeder dieser Großsiedlungen ist ein Abschnitt in der Ausstellung gewidmet.
Auf alten Plänen ist zu erkennen, dass das heutige Lütten Klein nur ein Bruchteil dessen ausmacht, was ursprünglich geplant war. Vorgesehen war eine Bandstadt von gewaltigem Ausmaß von Evershagen bis Lichtenhagen. Wegen der Bäche und feuchten Zonen fiel der Entschluss, in drei Abschnitten zu bauen.

Stadtteilzentren fielen meist hinten runter, wie an dem Plan für die Südstadt zu erkennen ist, der ursprünglich viel größere Dimensionen dafür vorsah. Zu hohe Kosten und Materialmangel führten dazu, dass es immer kleiner überplant wurde, bis schließlich nur das Kosmos übrig blieb.

Eine weitere Neuerung waren die runden und abgeschlossenen Formen, in denen die Wohnblöcke aufgestellt wurden. Zieht der Ostseewind noch ziemlich heftig durch die geraden Straßen von Lütten Klein, verbesserte sich dank dieser neuen Bauweise in Schmarl und allen später gebauten Stadtteile das Klima.
„Wir haben hier in Rostock in der DDR einen sehr hochwertigen Städtebau gehabt“, resümiert Dr. Steffen Stuth. „Obwohl in der DDR alles zentral geplant, zugeteilt und durchgeführt wurde, hat es das Wohnungsbaukombinat geschafft, abwechslungsreicher zu bauen“, sagt der Museumsleiter und verweist auf das Beispiel der Terrassenhochhäuser. Auch seien die Dimensionen nicht so riesig und brachial wie etwa in Halle-Neustadt, wo Siedlungen für 100.000 Menschen gebaut wurden.

Auch Einblicke in die Neubauwohnungen gewährt die Ausstellung kaum, wurde sie doch vorrangig aus der Perspektive der Stadtplaner und Architekten konzipiert.
Dennoch sind die Rostocker aufgerufen, ihre Erinnerungen und Anekdoten aufzuschreiben und dem Museum einzureichen. Haben sie beim Einzug auch gedacht: „Endlich eine Neubauwohnung“? So lautet der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 25. Mai 2014 besichtigt werden kann.

Vorträge und Filme:
- Do 27.02.2014, 17:00 Uhr „Hundert Bilder vom neuen Rostock. Die Wohnsiedlungen in historischen Fotografien“ von Dr. Steffen Stuth
- Do 24.04.2014, 17:00 Uhr „Rostock im Film: Jubiläum einer Stadt -750 Jahre“ Der Film zum Bau des Überseehafens (mit Einführung)
- Do 15.05.2014, 17:00 Uhr „Die Architektur der DDR – Eine Aufgabe für die Denkmalpflege“ Vortrag von Peter Writschan