Barrierefrei Shoppen in Rostocks City
„Auf einem guten Weg“ – Vergleich barrierefreier Geschäfte zum Europäischen Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen
7. Mai 2012, von Stefanie
Zu enge Wege, durchsichtige Glastüren – Einkaufen in Rostock kann schon mal zu einem Hindernisparcours werden, besonders für Menschen mit Behinderungen. Auf etwa 16.000 bis 20.000 wird ihre Anzahl in unserer Hansestadt gegenwärtig geschätzt. „Betrachtet man die demografische Entwicklung, müssen sich die Einzelhändler auf immer mehr alte Leute mit Rollatoren einstellen. Aber letztendlich sind auch sie eine Kaufkraft“, sagt Rostocks Behindertenbeauftragte Petra Kröger. Ihr Ziel: Die Geschäfte in Rostocks Einkaufszentrum sollen nach und nach barrierefrei werden. Besonders zwischen Universitätsplatz und Neuem Markt gebe es noch einiges zu tun. „Wir haben aber kaum eine Handhabe. Gerade wenn die Geschäfte schon da sind, können wir sie nur auffordern, die Situation zu verbessern“, so Kröger.

Anreiz soll nun eine neue Plakette schaffen. Am Schaufenster angebracht soll sie darauf hinweisen, dass sich der Laden „Auf einem guten Weg“ befindet und andere Geschäfte motivieren es gleich zu tun. „Wir wollen das nicht an Barrierefreiheit festmachen. Das können die Geschäfte nicht schaffen nach den gesetzlichen Vorschriften“, zeigt sich Wiltraut Kornagel vom Behindertenbeirat, auf dessen Initiative die Aktion entstand, kompromissbereit. „Aber wir erwarten, dass man uns entgegenkommt, so gut es geht.“

Seit ihrem 14. Lebensjahr ist die 68-Jährige durch eine Kinderlähmung auf den Rollstuhl angewiesen. „Jeder Mensch muss Kompromisse eingehen: Ob er zu große Füße hat, zu dick ist, zu lang oder zu klein ist – er eckt an. Wir auch. Wir können nicht davon reden, dass wir integriert werden möchten und gleichzeitig für uns alles hundertprozentig fordern“, so ihre Lebenseinstellung. Damit stieß sie zu Beginn ihres Engagements im Behindertenbeirat, in dem sich die diplomierte Betriebswirtin nach ihrem Rückzug aus dem Berufsleben einbringt, auch auf Kritik.
Gemeinsam mit Manuela Witt vom Sehbehindertenverband zog sie am Samstag – dem Europäischen Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen – los, um stichprobenartig ausgewählte Geschäfte zwischen Universitätsplatz und Kröpeliner Tor auf Barrierefreiheit für seh-, hör- und mobilitätseingeschränkte Menschen zu testen. Schwellenfreiheit, Lichtverhältnisse und Freundlichkeit überprüften sie anhand einer Checkliste.
„Als Negativbeispiel allererster Güte“ erweist sich ein Geschenkartikelgeschäft. „Wenn man da reinkommt, dann reißt man schon alles um“, hat die Rollstuhlfahrerin bereits Erfahrungen gesammelt und auch am Samstag verhinderte eine Leiter im Weg das weitere Fortkommen. „Bei uns ist es immer eng“, so die lapidare Reaktion einer Hilfskraft, auch Leute mit Kinderwagen hätten es nicht leicht. „Normalerweise müssen die Wege 1,20 Meter breit sein“, weiß auch eine Verkäuferin ganz richtig und: „Man kommt durch, aber wenn die Leute stehen bleiben …“ Das Problem sei nur durch die Zentrale in Oldenburg zu lösen, rät sie, während sie einen Kunden abkassiert.

Aber es geht auch anders. Auch wenn eine Glastür ohne automatische Öffnung zu einem Problem werden kann, so wird dieses durch Personal an der Tür wieder ausgeglichen, wie bei Fielmann. „Mit Sehbehinderten haben wir allgemein zu tun. Aber wir haben auch häufig Rollstuhlfahrer“, berichtet Augenoptikermeister Stefan Zieger. „Ich habe noch keinen Kunden gehabt, den ich wieder nach Hause geschickt habe. Sollte der Augenprüfungsraum wirklich einmal zu eng sein, sucht man sich einen anderen Weg. Ich kann eine Augenprüfung zur Not auch vor dem Laden durchführen.“
„Doch Notlösungen sind nicht unser Bestreben. Das Servicepersonal muss ausgleichen, was architektonisch nicht zu berappen ist“, erklärt Wiltraud Kornagel und hat dabei besonders kleinere Geschäfte im Blick. Dort, wo kein Lift zur Überwindung von Niveauunterschieden vorhanden ist oder die Nebengänge zu eng werden, lässt sie sich die Waren bringen. Mit der Geduld und Freundlichkeit in Rostocker Geschäften ist sie dabei sehr zufrieden und verteilt Bestnoten auf ihren Fragenbögen.

Auch Manuela Witt schätzt die freundliche Ansprache. Denn sie greift ebenfalls gern auf Hilfe zurück, wenn sie sich unsicher fühlt. „Für mich ist Helligkeit ganz wichtig. Doch es darf auch nicht zu grell sein“, beschreibt die 44-Jährige, die seit ihrer Geburt durch eine Augenkrankheit beeinträchtigt ist. Große Schriftzüge und kontrastreiche Markierungen erleichtern ihr die Orientierung. Doch die sind nicht überall vorhanden. Ton in Ton gehalten könnten die Stufen einer Treppe eines Schuhhauses zur Stolperfalle werden und auch ein Behinderten-WC, das ab einer Verkaufsfläche von 500 qm vorgeschrieben ist, müsste noch nachgerüstet werden, damit später die neue Plakette überreicht werden kann.

Die Initiative „Auf einem guten Weg“ soll fortgeführt werden. Weitere Geschäfte sollen überprüft und nach der Auswertung die Auszeichnungen übergeben werden.
Der Beginn war am Samstag eingebettet in ein buntes Programm und einen Markt der Möglichkeiten auf dem Universitätsplatz anlässlich des Europäischen Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen.