Volkstheater Rostock zeigt Jugendtheaterstück „Der Kick“
Dokumentarisches Schauspiel arbeitet im Theater im Stadthafen einen grausamen Mord auf
18. Oktober 2012, von Andre
Es war eine Nacht im Jahr 2002, die das Leben eines ganzen Ortes für immer veränderte. In der kleinen Gemeinde Potzlow in der Uckermark wird Marinus Schöberl von drei jungen Männern stundenlang geschlagen, missbraucht und gedemütigt. Anschließend bringen sie den Sechszehnjährigen in eine alte Schweinemastanlage, wo sie ihn mit einem gezielten Sprung auf den Kopf umbringen. Zehn Jahre später dokumentiert das Schauspiel „Der Kick“ im Theater im Stadthafen das Geschehene und seine Folgen.
„Der Kick“ ist in vielerlei Hinsicht ein besonders Theatererlebnis. Gleich zu Anfang fällt die ungewöhnliche Bühnenform auf. Ein kleiner Ausschnitt, ein schwarzer Kasten dient als Spielfläche. Davor nur ein dünner Steg, sonst nichts. Es gibt keine Requisiten und kein klassisches Bühnenbild, dafür aber einen sehr starken Einsatz von Licht und Schatten. Ein Scheinwerfer strahlt durch einen schwarzen Lamellenvorhang direkt ins Publikum. So wird die gesamte Szenerie in eine bedrohliche und düstere Stimmung getaucht.

Diese Inszenierung erlaubt viele Deutungen. Es könnte ein Fernseher sein, in den das Publikum hineinschaut, ganz wie bei einer echten Dokumentation. Oder ist es der Versuch, Licht in die Dunkelheit zu bringen? Das würde erklären, warum in bestimmten, kommentierenden Szenen, auf ein sehr helles Bühnenlicht gewechselt wird. In Kombination mit Citys „Am Fenster“, welches immer wieder angespielt wird, drängt sich natürlich auch die Sichtweise eines ausschnitthaften Blickes in eine andere, zum Teil befremdliche, Welt an.

Auf jeden Fall unterstützt der Bühnenaufbau die bedrückte Atmosphäre, die durch die geschilderte Tat und die vorgetragenen Texte aufkommt. Dokumentarfilmer Andres Veiel und die Berliner Dramaturgin Gesine Schmidt sammelten im Zuge ihrer Recherche 1500 Seiten Gesprächsprotokoll und stellten diese zu einer Bühnencollage zusammen. Zu Wort kommen Sozialarbeiter, Täter, Dorfbewohner, Freunde und auch die Mutter des ermordeten Marinus Schöberl. Auf Wertungen und Deutungen wird bewusst verzichtet, schließlich soll für niemanden Partei ergriffen werden, sondern ein möglichst umfassendes Bild der Gesamtsituation aufgezeigt werden.

Dass „Der Kick“ dabei trotzdem ganz tief unter die Haut geht, liegt vor allem an Tim Ehlert, David Schirmer und HMT-Studentin Kinga Schmidt. Die Schauspieler verkörpern alle auftretenden Figuren zwar minimalistisch, dabei aber sehr intensiv und auf den Punkt genau. So übernehmen die Männer beispielsweise die Rollen des Täterpaars Marco und Marcel Schönfeld und schildern mit ihren Worten den Ablauf des Abends. Die Darstellung der Ereignisse, die schließlich zu dem titelgebenden „Kick“ auf den Kopf führten, sind so durchdringend und plastisch, dass einem wirklich flau im Magen wird. Und wenn Kinga Schmidt als Mutter von Marinus einen Brief an die Staatsanwaltschaft rezitiert, fällt es schwer, nicht in Tränen auszubrechen.
Am Ende verlässt man aufgewühlt und mit Gesprächsbedarf das Theater. Vor allem mit jüngeren Besuchern – das Stück ist für Schüler ab zwölf Jahren geeignet – sollte man das Gesehene unbedingt noch mal aufarbeiten. Dafür öffnet das Stück reichlich Problemkreise, beispielsweise den Umgang der Medien mit solchen Taten, Alkoholkonsum, Rechtsradikalismus und die Frage, ob alles auch hier und heute noch genauso möglich wäre.
„Der Kick“ ist kein Stück für einen entspannten Abend im Theater, aber dafür eine wirklich gelungene Auseinandersetzung mit einem sehr ernsten Thema.
Weitere Vorstellungen:
- Mi 27.Februar 2013, 18:00 Uhr, Theater im Stadthafen
Fotos 1-4: VTR, Dorit Gätjen