Während Olaf gerade noch beim Medienkompetenzpreis 2010 war, durfte ich gestern den Jungen Film in Augenschein nehmen. Aber irgendwie war ich wieder viel zu früh dran. Gerade noch draußen am Stadthafen in der prallen Sonne dahin geschlendert, stolperte ich nun ins M.A.U. Huch, da konnte ich dann erst mal rein gar nichts sehen. Alles dunkel und überall Bildschirme. „Hmmmmm“. Man sah mir meine geistige Umnachtung wohl an. Denn im nächsten Moment kam schon jemand auf mich zu und erklärte mir, was, wo und wie hier stattfinden würde. Super, ich jetzt total glücklich, suchte mir einen Platz in der dritten Reihe vor der Hauptbühne und wartete. Ja, wartete und wartete.

Wer es noch nicht weiß, das FiSH ist ein Filmfestival, das schon seit 2004 in Rostock veranstaltet wird. Nun aber zum gestrigen Abend.
„Fiete und Schiete“ wollten darauf aufmerksam machen, dass bewegte Bilder die Menschen verändern. Vor der Wende hätten sie ja gar keinen Sender im Fernsehen empfangen können. Mittlerweile aber sei an ihren Dorf-Kollegen eine Reihe merkwürdiger Verhaltensstörungen erkennbar. Einer war beispielsweise „neulich in Bad-Doberan im Kino“ und da „lief so’n Film mit Brille, so 3D.“ Danach habe er sich blau angemalt und versucht, sich mit Bäumen und Pferden zu verbinden. „Avatar“ habe der junge Mann sich angeschaut. „Früher ist er noch zum Schnapsabend gekommen, aber seitdem ist er weg … und so hat sich alles verändert“, sagte Fiete. Schiete daraufhin: „Joah!“

Matthias Spehr, Leiter der Jury und Filmdozent am Institut für neue Medien in Rostock, sprach sodann über die Vorauswahl der Filme. Es seien 30 Filme aus 400 Filmen ausgewählt worden. Ein schwieriges Unterfangen. Doch nach welchen Prinzipien wurde da ausgewählt?
Es gäbe eine Art „FiSH-Manifest“, erklärte Spehr. Bestimmte, Regeln, die die Auswahl immer wieder prägten, seien das. So wolle man Filme „die vor allem nicht an Perfektion glänzen, sondern Filme die noch Reibeflächen haben, die rau sind. Wo wir merken, da sind Menschen noch auf dem Wege“. Filme, die noch Ecken und Kanten hätten, an denen man aber schon etwas ganz Eigenes und Besonderes, Neues erkennen könne, wären erwünscht. Filme mit „Herzblut“ eben. Ja, und gibt es Tendenzen im „Jungen Film“. Neue Themen seien aufgefallen. „Einsamkeit etwa, das Gefühl der Isolation und Unfähigkeit zur Kommunikation, vornehmlich in Beziehungen“ werde häufig thematisiert, daneben „die Sorge um die Welt“.
Jetzt aber genug der vielen großen Worte. Filme wollte ich doch sehen, oder nicht?

LEGO wird als System der festen Strukturen enttarnt. Ein Ausbruch daraus bleibt im Film nur ein Traum. Die Macher des Streifens, kaum 16 Jahre alt, waren leider nicht anwesend. Gern hätte ich ihre Kommentare gehört.
Der Künstler, Autor und Filmemacher sowie Jurymitglied Steffen Zillig empfand die „Noppe“ als „schöne Metapher, die uns am Boden hält und daran hindert, abzuheben.“ Auch wäre es gut „einmal darüber nachzudenken, was sind die Noppen heute. Was ist unsere Noppe?“
Im zweiten Block beeindruckten mich eigentlich alle drei gezeigten Filme. Die Dokumentation „Ralf“ von Helge Brumme aus Hamburg allerdings am stärksten. Gezeigt wird ein junger Mann, der sein Musikstudium abgebrochen hat und nun in seiner Wohnung herumlungert. Einen Job an der Tankstelle hat er auch verloren. Nichts, außer seiner Gitarre und einem Zauberwürfel scheint ihn so richtig zu interessieren. Doch er ist sich seiner Situation vollkommen bewusst. Das macht den Film so einzigartig.
Die Frage nach dem „WARUM?“, dem Grund seines Handelns, ja seiner Handlungslosigkeit, drängt sich dem Betrachter während der Vorführung immer intensiver auf. Helge habe ebenfalls „nicht verstehen können, wie jemand sein Talent und sich selbst so verschwendet“, sagte er im anschließenden Gespräch mit Moderator Mark. Das habe ihn beschäftigt und diese Frage habe er zum Ausdruck bringen wollen. Während der Sitzung der Jury entbrannte später die Diskussion darüber, ob eine Dokumentation die vorgefundenen Befindlichkeiten nur zeigen solle, oder ob nicht auch zugleich Lösungen vermittelt werden könnten. Jurymitglied Özgür Yildirim, Diplom-Regisseur aus Hamburg, vermisste eine Antwort auf das „WARUM?“. Im Publikum war man dagegen der Meinung, eine Dokumentation habe eben die Wirklichkeit genau abzubilden und Fragen aufzuwerfen.

Für diesen Tag hatte ich „genug gesehen“. Außergewöhnlich kreative und engagierte junge Menschen haben da die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentiert. Sie wissen, im Gegensatz zu „Ralf“, was sie können und was sie wollen und bereichern die Welt obendrein mit ihren grandiosen kleinen Meisterwerken.
Bis Sonntag zur Preisverleihung werde ich noch in Sachen „Fish“ unterwegs sein. Mal sehen, welche Filme ausgezeichnet werden und was ich noch so alles erlebe. Bis dahin, ahoi Matrosen und Freunde des „Jungen Films“.