Eine Gedenktafel für sozialen Wohnungsbau in Rostock
Dr. Peter Schulz spricht über einen Meilenstein der Geschichte
1. Februar 2011, von Marco
Sozialer Wohnungsbau. Schön und gut, denkt Ihr Euch? Aber was ist das eigentlich? Mit eben dieser Leitfrage im Hinterkopf begab ich mich vorhin in die Dornblüthstraße. Hier fand heute nämlich die offizielle Einweihungsfeier der Erinnerungstafel für sozialen Wohnungsbau in Rostock statt.
Wenn Ihr Euch jetzt sagt, dass das nicht sehr spannend klingt, kann ich Euch versichern, dass ich zu Beginn auch so gedacht habe. Jedoch wurde ich eines Besseren belehrt. Es ist ein Thema, über das wir uns – meiner Meinung nach – viel zu wenig Gedanken machen. Oder habt Ihr Euch schon einmal gefragt, was an Eurem heutigen Wohnen so alles alltäglich ist?
Schlicht betrachtet, hätten wir da das Schlafzimmer (klar, so eines braucht jeder), das Wohnzimmer (wegen der Gemütlichkeit) und natürlich Bad und Küche (Hat doch jede Wohnung, oder?). Alles selbstverständlich – eben. Für uns schon, jedoch nicht für die arbeitende Bevölkerung des frühen 20. Jahrhunderts. Wo ein Arbeiter nur etwa eine Mark die Stunde verdiente, war eine Wohnung mit eigenem geräumigen Badezimmer und einer in hellen Tönen gehaltenen Wohnküche bislang nur eine von vielen utopischen Fantasien. Und das alles für etwa 52 Mark im Monat.

Für Initiator Dr. Peter Schulz, der selbst von 1930 bis 1947 in dieser Gegend lebte und auch dort geboren wurde, ist dies „eine kleine Sensation“. Und ich finde, dass er recht hat. Bedenkt man nur seine kleine Geschichte am Rande, so kann sich jeder vorstellen, dass es eine dort lebende Gemeinschaft war, die aus ganzem Herzen Dankbarkeit zeigte, weil es so etwas in Rostock gab.
Herr Schulz hatte damals nämlich einen Nachbarn. Natürlich war der Tapezierer Karl-Heinz genauso heiß auf „nicht genehmigte“ Informationen, wie es auch sämtliche andere Bewohner jener Zeit waren. Da hieß es schon einmal Obacht zu halten, wenn BBC durch einen „seltsamen“ Zufall lief. Dennoch krabbelte der damals zwischen 12 und 13 Jahre alte Peter zu ihm herüber und lauschte ebenfalls der fremden Welt. Bis eines Tages ein Paar Stiefel hinter ihnen auftauchte. Das jedoch war nicht alleine gekommen, sondern hatte einen grimmig dreinschauenden Polizisten im Schlepptau. Erschrocken und ein wenig ängstlich schauten die beiden zu ihm auf, doch der Polizist riet ihnen zum Glück nur, die Türe zu schließen, wenn sie schon BBC hörten. Glück gehabt.
Aber zurück zur Gedenktafel und zum „Roten Block“, wie der Wohnkoloss aufgrund von Farbe und Bewohnern liebevoll genannt wurde. Hauptsächlich beherbergte er nämlich die „Sozis“, so Peter Schulz – Menschen der SPD, des ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) und der Kongressgenossenschaft.

Der im Innenhof liegen gebliebene Findling erinnert an einen von ihnen. Franz Starosson, einem der in den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts einflussreichsten sozialdemokratischen Politikern Mecklenburgs.

Stein und Gebäudekomplex sind seit Juni 1994 denkmalgeschützt. Dank der großzügigen Unterstützung der WIRO und der Albert-Schulz-Stiftung können sie nun endlich die ehrenwerte Erinnerungstafel tragen. Davon gibt es mittlerweile, durch den Verein der Rostocker Geschichte organisiert, schon über hundert Stück in der Hansestadt. „Sie machen unsere Altstadt lebendiger“, betont Prof. Dr. Ernst Münch, stellvertretender Vorsitzender des Vereins für Rostocker Geschichte und auch die Senatorin für Soziales und Kultur Dr. Liane Melzer ist begeistert von der Initiative zur Erhaltung solcher Bauten.
Vielleicht schaut auch Ihr einmal vorbei und überzeugt Euch selbst davon.