Holger Schobers „Ich komma saufen“ im Volkstheater

Ein sozialpädagogisches Einpersonenstück zum Thema Alkoholmissbrauch vom Mecklenburgischen Landestheater Parchim

23. Januar 2012, von
Andreas Flick in "Ich komma saufen"
Andreas Flick in "Ich komma saufen"

Ein abschreckendes Beispiel soll H. sein. Der abgekürzte Name soll seiner Geschichte mehr Gewicht verleihen. „Ich war ein Komasäufer“, so sein direktes Bekenntnis an die etwa 50 Zuschauer, die ins Theater im Stadthafen zu Holger Schobers Einpersonenstück „Ich komma saufen“ gekommen waren. Nachdem es bereits 30-mal in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt wurde, feierte die Koproduktion mit dem Mecklenburgischen Landestheater Parchim am letzten Donnerstag im Volkstheater Rostock Premiere.

Die Hauptrolle des trockenen Alkoholikers spielt Andreas Flick. H. ist ein junger, lebendiger Typ, der seine Bewährungsauflage abarbeitet, indem er durch die Klassen tingelt und aus seinem Leben erzählt. „Das große Problem ist, dass die Erwachsenen ihre Vorbildfunktion vernachlässigen. Da Jugendliche leicht beeinflussbar sind, muss man ihnen ein schlechtes Beispiel geben“, so die Idee im Ministerium, deren Mitarbeiter eigentlich nur ihren Job machen und danach einen saufen gehen.

Obwohl H. fast die Hälfte (nach 50 ist er frei) hinter sich hat, scheint er einer der Unverbesserlichen zu sein. Mit Ausreden, Relativierungen oder Verniedlichungen hält er sich jede Übernahme von Verantwortung vom Leib. „Es weiß doch jeder, dass Alkohol gefährlich ist. Das gab es schon immer, wurde nur anders genannt. Macht eure Fehler oder nicht. Es ist mir scheißegal“, wirft er gleichgültig dem Publikum entgegen.

Dabei hat er schon einiges erlebt, das ihn eines Besseren belehren sollte. Nein, sein Vater hat seine Mutter nicht im Suff totgeschlagen, wie H. zunächst weismachen will. Das passt zwar ins Klischee, aber nein, er hatte eine glückliche Kindheit mit guter Schule und Eltern.

Irgendwann in seiner Jugend wurde der Alkohol interessanter als Spielfiguren und Schlagzeugspielen. Nach der Devise „Saufen, bis der Arzt kommt“ verfestigte sich beim geselligen Trinken mit Freunden die Abhängigkeit bis zum Exzess. Für zwei seiner Freunde endete sie tödlich. Karl übersteht einen einsamen kalten Entzug nicht. Sein Lebensmantra „Ich werde es schon schaffen“ hat diesmal nicht für ein Wunder gesorgt. Fritz, der im Rausch ein Mädchen tötet, nimmt sich im Gefängnis das Leben.

„Lieber cool und tot als uncool und lebendig“, glaubt H. Deshalb ist sein dritter Freund Marco für ihn auch tot. Nach einem Sprung vom Kirchturm ist er so geschädigt, dass er nur noch aus einer Schnabeltasse trinken kann. Alkohol verleiht eben doch keine Flügel, so die Lektion, die damit vermittelt werden soll.

Denn obwohl Regisseur Carl M. Pohla den antipädagogischen Ansatz ohne Zeigefinger – denn „mit Zeigefinger wurde es ja schon sooft probiert“ – betont, bleibt die erzieherische Absicht der Macher in Rostock bei der Inszenierung von „Ich komma Saufen“ nicht verborgen. Doch nicht zu unrecht lohnt es sich, sich mit dem Thema reflektierend auseinanderzusetzen. Warum also nicht mithilfe dieses Theaterstückes?

Gespräch im Foyer
Gespräch im Foyer

Sätze wie „Ich hab immer die Kontrolle“ oder „Ich wusste immer, wann Schluss ist“, kennen auch die Vertreter des Rostocker Vereins Trockendock, wie sie bei einer Gesprächsrunde im Anschluss der Aufführung den Sechstklässlern aus der Borwinschule und jungen Studenten berichten.

„Genau das, was gespielt wurde, ist das Leben.“ Das provokante Auftreten, das Verharmlosen und die Situation des Runterspringens kennt auch Angelika Reichelt, die die Verkehrs- und Kriminalprävention bei der Polizei Rostock koordiniert. Sie unterlegt die Ausmaße des übermäßigen Alkoholkonsums mit Zahlen. 15 Tatverdächtige unter 14 Jahren hatten 2010 in ihrem Zuständigkeitsbereich eine Straftat unter Alkoholeinfluss begangen. Die Universitätsklinik gibt an, dass sie im vergangenen Jahr 65 Koma-Säufer unter 18 Jahren behandelte.

Wegen ihrer Vorbildrolle wünscht sich Angelika Reichelt, dass auch Erwachsene den Weg ins Theaterstück finden. Für Schüler kann dieser übrigens sehr kurz sein, denn „Ich komma saufen“ wird auch als Klassenzimmerstück angeboten und kommt auf Anfrage beim Volkstheater direkt an die Schulen. Das Bühnenbild ist da schon vorhanden. Denn zwischen Schulbänken, Stühlen und Tafel präsentierte Andreas Flick auch im TiS seinen 45-minütigen Monolog, der durch Songs und Spiel mit dem Publikum aufgelockert wurde.

Weitere Vorstellungen:

  • Do 02. Februar 2012, 10:00 Uhr, Theater im Stadthafen (Warnowufer 65)
  • Di 13. November 2012, 10:00 Uhr Theater im Stadthafen (Warnowufer 65)

Foto 1: Silke Winkler, VTR

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