Interdisziplinäre Ringvorlesung an der Uni Rostock

Stipendiaten der Interdisziplinären Fakultät stellen Promotionsarbeiten der Öffentlichkeit vor

10. Oktober 2010, von
Markus Krohn
Markus Krohn

„Kurs auf die Wissenschaft“ lautet der Titel der ersten interdisziplinären Ringvorlesung, zu der die Interdisziplinäre Fakultät (INF) der Universität Rostock am Donnerstag ins Internationale Begegnungszentrum (IBZ) eingeladen hat. Bei der Auftaktvorlesung drehte sich alles rund ums Thema Morbus Alzheimer.

Was passiert, wenn die Müllabfuhr nicht mehr funktioniert, konnte man vor zwei Jahren in Italien sehen. „Neapel stinkt zum Himmel“ dürfte damals wohl noch eine der harmlosen Schlagzeilen gewesen sein. Viel gelernt hat man daraus nicht, scheint Neapel doch aktuell schon wieder im Müll zu versinken.

Nun kümmern sich Entsorgungsunternehmen aber nicht nur um Haus- und Gewerbemüll. Jeder Einzelne von uns hat seine eigene kleine, ganz private Müllabfuhr – im Kopf. Tja, und was in diesem unseren Klein-Neapel passiert, wenn die Müllabfuhr nicht mehr funktioniert, das war Gegenstand des Vortrags von Markus Krohn.

Der 32-jährige gebürtige Greifswalder erforscht die weltweit häufigste Demenzerkrankung: Morbus Alzheimer. Ausgelöst werden die Symptome durch die vermehrte Ablagerung eines Proteinfragments, der sogenannten Amyloid- oder Alzheimer-Plaques. In seiner Arbeit untersucht Markus Krohn Mechanismen des Abtransports dieses Proteins, die Müllabfuhr des Gehirns sozusagen.

Nach dem aktuellen Stand der Forschung seien nämlich weniger die großen Plaque-Anhäufungen das Problem, sondern man müsste vielmehr bereits rechtzeitig die Vorstufen wegbekommen. Mögliche Gegenmaßnahmen, um die Amyloid-Schnipsel loszuwerden? Einerseits gibt es Enzyme, die diese Schnipsel zerschneiden, andererseits Mikrogliazellen, die „im Gehirn umherwandern, aufsammeln und auffressen“.

Wissenschaftlich hingegen noch nicht so intensiv untersucht sind Transportproteine, die das Amyloid an der Blut-Hirn-Schranke „aus dem Gehirn herausschaufeln können“. Und genau dies sei die Schnittstelle, die er in seinen Forschungen betrachte.

Bereits sei 100 Jahren wird an Alzheimer geforscht, bislang jedoch ohne wirksame Therapie. Allein in Deutschland sind etwa 1,5 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen. Aufgrund der immer höheren Lebenserwartung mit stark steigender Tendenz. Verdoppelt sich ab dem 65. Lebensjahr doch alle 5 Jahre die Wahrscheinlichkeit, einen Alzheimer zu bekommen, veranschaulichte Krohn die Entwicklung: „Mit 85 bis 90 Jahren würde fast die Hälfte von Ihnen hier erkrankt sein.“

Felix Winter
Felix Winter

Im zweiten Vortrag des Nachmittags beschäftigte sich Felix Winter ebenfalls mit dem Morbus Alzheimer, allerdings aus einer ganz anderen Perspektive. Mithilfe mathematischer Modelle versucht er, in die Zukunft zu schauen. Ziel ist es, den Krankheitsverlaufs des Morbus Alzheimer besser vorhersagen und mögliche Interventionsszenarien analysieren zu können.

Die Vorhersagekraft mathematischer Modelle ist ein durchaus heikles Thema, erläuterte Winter. Bei allen Annahmen, Reduktionen und Abstraktionen zu behaupten, dass es in der Realität genau so enden würde, wie im Modell, sei schon „eine sehr starke Behauptung“. Dass sein Modell mit den Beobachtungen der Biologen übereinstimme, ist aber in jedem Fall sehr vielversprechend.

Mit insgesamt zehn Parametern ist Winter in sein Modell gegangen. Die interessante Frage ist natürlich, an welcher dieser Schrauben man drehen kann, um den Verlauf der Krankheit zu beeinflussen. In ihrem Fall sei dies speziell die Transportkapazität. Bereits bei einer Erhöhung um 25 % würde es in der typischen Lebenszeit von Mäusen nicht mehr zum Auftreten von Alzheimer kommen.

Keine Heilung, aber eine Verzögerung, die – übertragen auf den Menschen – die Alzheimer-Symptome so weit nach hinten verschieben könnten, dass sie statt mit 60 erst mit 70, 80 oder 90 Jahren auftreten. „Auch volkswirtschaftlich gesehen ein großer Nutzen“, wie der Wirtschaftsmathematiker schmunzelnd bemerkte.

Die beiden Stipendiaten der Interdisziplinären Fakultät sind im Forschungslabor für neurodegenerative Erkrankungen (NRL) des Universitätsklinikums Rostock tätig. Insgesamt 45 Promotionsstipendien wurden von der Interdisziplinären Fakultät seit ihrer Gründung im Jahr 2007 an Nachwuchswissenschaftler vergeben.

Prof. Dr. Udo Kragl
Prof. Dr. Udo Kragl

18 der Stipendiaten stellen bis Januar 2011 ihre Promotionsarbeiten vor – in kurzen, leicht verständlichen Vorträgen. So zumindest lautete das Versprechen, das heute durchaus eingelöst werden konnte. Darüber hinaus zeigte die Auftaktveranstaltung, dass interdisziplinäre Forschung – hier zwischen Biologen und Mathematiker – auch in der Praxis gut funktionieren kann. Oder, wie es Professor Kragl, Dekan der INF, zum Abschluss mit dem gern zitierten aristotelischen Ausspruch zusammenfasste: „Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile.“

Weiter geht es am 28. Oktober um 15 Uhr mit Eva Kreikenbaum und Dortje Löper. Der Nachmittag widmet sich der Medizin und Ethik der Altenpflege. Interessant dürfte es auch am 25. November werden, wenn im Rahmen intelligenter Assistenzsysteme twitternde Blutdruckmessgeräte und mailende Topfpflanzen vorgestellt werden. Zumindest letztere könnten die Überlebenschancen der einen oder anderen Pflanze hier im Büro sicher deutlich erhöhen.

Das vollständige Programm gibt es auf der Website der Interdisziplinären Fakultät. Interessierte Gäste sind bei den Vorträgen gern gesehen, der Eintritt ist frei.

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