
Nur, weil ich sie nicht so recht verstehe, heißt das allerdings noch lange nicht, dass es keine großartige Musik ist. Es war nur das erste Mal, dass eine moderne Komposition in meine Ohren drang. Und an das Fehlen jeglicher Melodie müssen diese sich wohl noch ein wenig gewöhnen.

Erstmals war dieses nicht dem Werk eines einzelnen Künstlers gewidmet. Stattdessen nahm man das musikhistorisch bedeutsame Schwellenjahr 1910 und die Stadt Wien in den Fokus.
Worum geht es? Der Dozent, Jan Philipp Sprick und Prof. Dr. Birger Petersen hatten die künstlerische Leitung des Festivals übernommen und gaben, nachdem sie das Publikum herzlich begrüßt hatten, eine kleine Einführung in das Thema. 1910 fand ein musikalischer Epochenwechsel statt. Die romantische Musik wurde von modernen Kompositionen abgelöst und eine neue musikalische Ära begann. Wien war zu jenem Zeitpunkt ein Zentrum der Musikkultur. Der Titel „Wien 1910 – Aufbruch in die Moderne“ verweist also auf eine aufregende Zeit der Veränderungen und des Wandels an einem bedeutenden Ort.
Herausragende Komponisten jener Tage waren neben Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Alban Berg, Erich Korngold und Hanns Eisler. Sie waren es, die mit ihrer kompositorischen Arbeit die Musik des 20. Jahrhunderts initiierten. Ihre Kompositionen bildeten deshalb auch einen Schwerpunkt des Festivals.


Später erfuhr ich, dass es 1905 entstand. Das bedeutet, es steht noch deutlich in der Tradition der Spätromantik, ist also noch nicht ganz so modern, wie das von Arnold Schönberg eingangs von mir erwähnte Stück.
Vor der Pause wurden noch Schönbergs „Drei Stücke für Kammerensemble“ von 1910 vorgetragen. Wieder schienen mir die Instrumente kaum aufeinander bezogen zu sein. Und wieder gab es abrupte Pausen und scheinbar frei assoziierte Tonabfolgen. Schönberg mied ganz bewusst Schematismen und formelhafte Wiederholungen und schuf auf diese Weise Kompositionen, die eine ganz neue, zuvor nie dagewesene und besondere Ausdrucksstärke besitzen. In der Tat bewegten mich die Stücke. War doch kein Ton vorhersehbar. Ein Umstand, der meine innere Anspannung nicht versiegen ließ.

Als dann wieder alle Freunde der modernen Kammermusik ihre Sitzplätze im Katharinensaal gefunden hatten, begann der zweite Teil des Festival-Auftakt-Konzertes. Vorgetragen wurde ein von Franz Schubert komponiertes „Streichquartett d-Moll D 810“, das Gustav Mahler überarbeitet hatte. Auch er stand mit seinem Werk auf der Schwelle zur modernen Musik und seine Kompositionen markieren den Übergang von der Spätromantik zur Moderne. So berief sich neben vielen auch Arnold Schönberg vielfach auf ihn. Das Stück gefiel mehr sehr und ich konnte wohltuend dahin schwelgen.
Im Rahmen des diesjährigen Kammermusikfestivals erklangen allerlei Kammermusikkonzerte. Auch ein Lieder- und Klavierabend sowie die Lesung: „Verflossen ist das Gold der Tage …“ mit Texten von Georg Trakl und Hugo von Hofmannsthal wurden geboten. Das vielseitige Programm sorgte ganz sicher nicht nur bei mir für interessante musikalische Erlebnisse und aufschlussreiche Erkenntnisse über den kammermusikalischen „Aufbruch in die Moderne“ im Wien von 1910.