Einführung in „Mephistosyndrom“ im Volkstheater Rostock
Choreograf Bronislav Roznos stellt sein neues Stück vor
1. Oktober 2010, von PhillipJeder Mensch trägt Böses in sich. Das ist im weitesten Sinne das Ergebnis, zu dem der Psychologe Philip Zimbardo am Ende des berühmten „Stanford Prison Experiments“ gelangte, das auch die Vorlage für den Film „Das Experiment“ darstellte. Dazu wurde 1971 eine Gruppe von Studenten willkürlich in Wärter und Gefangene eingeteilt und eine Gefängnissituation simuliert. Als es zur Eskalation kam, wurde das Experiment vorzeitig abgebrochen.

Bronislav Roznos hat nun natürlich nicht das Gefängnisexperiment als Tanztheater umgesetzt, aber es stellte eine von drei wesentlichen Arbeitsgrundlagen bei der Entwicklung des Stücks dar. Es beschreibt schließlich eindrucksvoll die Macht der sozialen Situation auf das Verhalten von Menschen.
Die anderen beiden Arbeitsgrundlagen waren die Themenbereiche Psychopathie und Soziopathie, sowie das Buch Seelenwüsten des Schweizer Psychologen Adolf Guggenbühl-Craig. Guggenbühl-Craig spricht darin vom „Archetyp des Invaliden“, was bedeutet, das jeder Mensch von Geburt an psychologische Schäden aufweist, diese sich dann aber abhängig vom sozialen Umfeld entwickeln bzw. gegebenenfalls verschlimmern. „Jeder hat eine kleine Macke“, drückte es Bronislav Roznos vereinfacht aus.
Die Gäste im Intendanzfoyer des Rostocker Volkstheater, in dem der Choreograf am Montagabend sein neues Werk vorstellte, interessierte natürlich, wie aus so einem Themenkomplex ein Theaterstück entsteht, vor allem in tänzerischer Form. Bevor Roznos begann, sich mit besagten Themen auseinanderzusetzen, war er auf der Suche nach einem interessanten Titel für seine nächste Produktion. Dabei kam ihm die Person des Mephisto in den Sinn. Allerdings wollte er nie ein Stück über die Person Mephisto machen, es sollte vielmehr um das Böse im Menschen gehen. Aus diesen Überlegungen entstand schließlich der Titel „Mephistosyndrom“ und aus der Auseinandersetzung mit dem Thema Psychopathie entwickelte sich nach und nach das Theaterstück.

„Also dieser Abend ist ziemlich makaber. Es geht nur um Mord und Totschlag, aber es ging nicht anders“, fasst der Choreograf zusammen, was den Zuschauer erwartet. Auf die Frage, was ihn an dem Thema interessiert, antwortete er: „Ich mag keine Gewalt, aber sie ist überall um uns herum und das ist viel zu viel.“
Konkret wird es um drei verschiedene Geschichten gehen, in denen die Themen Missbrauch, Amoklauf und Stalking dargestellt werden. Dabei verkörpern die Tänzer jeweils die psychologische Situation, anstatt immer eine bestimmte Person. Der Kampf zwischen Moral und Eros wird in vielen Fällen aufgezeigt werden, wobei der Einsatz von Körperfarbe als visuelle Unterstützung hinzukommt. „Das Bühnenbild wird am Ende so dreckig sein, dass die Techniker einiges zu tun haben“, scherzte Roznos über die Verwendung der Farbe.

Natürlich hätte es noch etliche weitere Bereiche psychischer Störungen gegeben, allerdings beschränkt sich Roznos bewusst auf diejenigen, die er ausdrucksstark tänzerisch umsetzen kann. Dabei verlangt er seinen Tänzern, die sich auch in die Choreografien einbringen, einiges ab.
Schon allein die schräg nach vorne abfallende Bühne ist ein gewöhnungsbedürftiger Tanzboden. Das Bühnenbild von Robert Schrag stellt dabei einen weißen Raum dar, der sich nach hinten verengt, wodurch ein wenig der Eindruck eines Tunnels entsteht. Personen die im hinteren Bereich der Bühne stehen, wirken dadurch größer.
Getanzt wird zu so unterschiedlicher Musik wie Manu Chao, Alberto Iglesias, Ingram Marshall, Dead Can Dance oder Rammstein. „Dieser Abend ist grundsätzlich sehr düster, ich wollte aber nicht, dass die Zuschauer nur solche Musik zu hören bekommen“, begründet Roznos die Auswahl. Außerdem sollen ja auch unterschiedliche Geschichten erzählt werden, wofür eine entsprechend unterschiedliche Musikauswahl nötig ist.

Seit April diesen Jahres arbeitet der Choreograf nun bereits an der praktischen Umsetzung des Stückes, eine knappe Woche vor der Premiere steigt langsam die Anspannung. „Wir hätten normalerweise noch zwei Wochen gebraucht, aber wir kriegen das schon hin“, gibt er sich zuversichtlich, denn letztendlich sei das eigentlich immer so. Obwohl es noch viel zu tun gibt, durften die Gäste im Anschluss an das Gespräch gestern Abend noch einer Bühnenprobe beiwohnen. Was dort gezeigt wurde, wird an dieser Stelle aber nicht verraten.
Wer nun neugierig auf das Stück geworden ist, der sollte sich morgen, am 2. Oktober, die Premiere im Vokstheater nicht entgehen lassen. Darüber hinaus wird es aufgrund der speziellen Thematik des Stückes heute um 20 Uhr eine Gesprächsrunde im Foyer des Theaters im Stadthafen geben, bei der neben Bonislav Roznos auch Professor Dr. Bernhard Meyer-Probst und Klaus-Dieter Kaiser zugegen sein werden. Dr. Meyer-Probst ist der ehemalige Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Rostock, Kaiser ist der Leiter der Evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern.
Fotos 2 – 4: Dorit Gätjen, VTR