(N)Ostalgie – Naivität oder Verharmlosung?
Das Rostocker Lokalfernsehen oder wie erinnert man sich an die DDR?
23. Juli 2010, von Stefanie
Vor etwa 20 Jahren wurde die Deutsche Demokratische Republik abgeschafft – aus vielen guten Gründen. Aber es war ja nicht alles schlecht, werden jetzt einige einwenden, die sich noch aus eigenem Erleben an diese Zeiten erinnern.
Und das stimmt natürlich auch. Dem hartnäckigen Gerücht, in der DDR sei alles grau gewesen, muss vehement widersprochen werden. Das betraf eigentlich nur den Himmel bei schlechtem Wetter (was ja andernorts auch vorkommen soll), die Häuserfassaden und den Bildschirm des Fernsehgerätes, wenn man auf den dritten Programmplatz umstellte.
Ansonsten ging es doch recht farbenfroh im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu. Erinnert sei hier nur an rote Fahnen, blaue Halstücher, braune Trainingsanzüge, grüne Rechtsabbiegepfeile und das bunte Kinderfernsehprogramm mit Sandmännchen, Pittiplatsch und Co. Einige davon haben das Ende der DDR überdauert und sind auch nach zwei Jahrzehnten immer noch beliebt oder werden als nützlich erachtet. Andere wurden zu Recht in den Orkus der Geschichte versenkt und mahnen nur noch in Museen an die Ungerechtigkeiten des DDR-Systems.
Hin und wieder verirren sich jedoch auch sehr fragwürdige Zeichen aus DDR-Zeiten in den heutigen Alltag. So dürften sich diese Woche einige Zuschauer des Lokalsenders tv.rostock verdutzt die Augen gerieben haben. In der Kindersendung KIRO wurde über das WIRO-Sportfest Ende Juni berichtet – moderiert von einer jungen Dame in sportlich-brauner Trainingsjacke mit rot-gelben Seitenstreifen.
Spätestens beim ASV-Zeichen auf der Brust dürfte bei vielen Zuschauern jedoch die Erinnerung wach geworden sein. Handelt es sich bei dem Outfit der Moderatorin doch um Sportbekleidung, wie sie von der Armeesportvereinigung Vorwärts getragen wurde. Jene Sportvereinigung der Nationalen Volksarmee, die namhafte Olympiasieger hervorgebracht hatte (ob Talent und hartes Training ausreichten, bleibt noch zu hinterfragen), aber eben auch eine Organisation der Armee war, die zahlreiche Opfer zu verantworten hat.
Zum Glück ist unsere gegenwärtige Gesellschaft offen genug, sodass jeder große Freiheiten genießt, in dem, was er sagt und wie er sich kleidet. Dennoch fragt man sich schon, warum sich die Träger solcher symbolträchtiger Kleidung dafür entschieden haben. Ist es gedankenloses Folgen eines modischen Retrotrends, also eine Geschmacksfrage? Oder möchte man den Stachel wieder lockern und die DDR verharmlosen? Oder handelt es sich um eine Art Protest gegen die heutige Gesellschaftsform?

„Das Entscheidende ist, dass es sich hier um Symbole und Zeichen handelt, die für Organisationen stehen, die im Endeffekt für die Unterdrückung von Anderen verantwortlich sind. Diesen Aspekt mitzudenken, würde jedem gut anstehen“, sagt Dr. Völker Höffer, Historiker und Leiter der Außenstelle Rostock der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU).
Ursachen für das anscheinend unreflektierte Anziehen von Symbolen der DDR-Diktatur gerade bei jungen Erwachsenen vermutet der Historiker im Schulunterricht: „In den Jahren zwischen 1990 und 2000 wurden kaum Informationen über die DDR in der Schule vermittelt.“ Für ihn ist dies ein Beleg für zu wenig differenzierte Aufklärung. „Seit drei bis vier Jahren bricht aber etwas um. Das Interesse in Schulen an der DDR-Geschichte nimmt zu“, weiß er zu berichten.
Eine klare Grenze beim Tragen von Kleidung mit DDR-Symbolen, wie bei ASV-Trainingsjacken, sieht Volker Höffer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Aber auch Privatsender sollten sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst sein. Wenn eine Moderatorin einer Kindersendung eine ASV-Trainingsjacke trägt, geht davon auch ein gewisses Signal aus. Der Wirkungsmacht audiovisueller Medien sollten sich aber gerade Profis bewusst sein, da auch mit ihrer Kleiderwahl eine Meinungsentscheidung dokumentiert wird, so Volker Höffer.