Rostock hat einen neuen Bürgermeister! So sahen es in ihrer Abstimmung zumindest die Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema Kultur am Dienstagabend in der Bühne 602. Mit 31 Stimmen konnte sich SPD-Kandidat Dr. Ait Stapelfeld klar gegen seine Mitbewerber Christian Blauel (Grüne, 21 Stimmen), Dr. Sybille Bachmann (Rostocker Bund, 17), Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU, 14), Amtsinhaber Roland Methling (parteilos, 14), Kerstin Liebich (Linke, 14) und Toralf Vetter (Einzelbewerber, 6) durchsetzen.
Dieses deutliche Votum mag daran liegen, dass Stapelfeld als einziger Kandidat an diesem Abend das wenig pralle Stadtsäckel nur allzu bereitwillig öffnet und konkrete Zahlen nennt. Statt 7,5 möchte er künftig zehn Prozent des Haushalts für Kultur ausgeben. Und der SPD-Kandidat legt noch einen drauf: Um die „Selbstausbeutung der Kulturschaffenden in der freien Szene“ zu beenden, sollen Mindestlöhne in diesem Bereich eingeführt werden.
Das kommt gut an bei den zahlreichen Gästen der freien Szene, der Applaus ist garantiert. Doch ist es auch wirtschaftlich realistisch? „Ich denke, dass man den Haushalt optimieren kann“, zeigt sich Stapelfeld optimistisch, diese Ausgaben gegenfinanzieren zu können.

Wahlkampf oder schöne Träume, etwa wenn der Einzelbewerber Toralf Vetter sagt: „Das Geld für die Kultur muss einfach da sein. Mit Sparangst kann man eine Stadt nicht verwalten und führen.“
Es dürfte die wohl bestbesuchte Diskussionsrunde des aktuellen Wahlkampfes sein, die gestern Abend von den freien Trägern und den Fördervereinen von Kunsthalle und Theater in der Bühne 602 veranstaltet wurde. Der Zuschauerraum und das Foyer mit Videoleinwand sind hoffnungslos überfüllt. Auch wenn es hauptsächlich die Macher selber sind, die den Worten der OB-Kandidaten lauschen, spricht es doch für den Stellenwert der Kultur in der Hansestadt.
„Kultur in der Krise. Rostock im Jahre 2012. Die kulturelle Landschaft gleicht einem dürftig bestellten und steinigen Acker. Wer am Rande dieser Brachfläche steht, entdeckt nur wenig grüne Halme.“ Die Stimme aus dem Nichts zeichnet zur Einleitung des Abends ein provokatives, düsteres Bild der Kulturlandschaft Rostocks, verheißt gar den „Absturz ins Bieder-Provinzielle“.

Auch Kerstin Liebich hatte keinen Kulturmasterplan parat, „weil der nur gemeinsam entwickelt werden kann.“ Ein wirkliches Strukturkonzept hat die Politikerin der Linken nicht zur Hand, doch damit befindet sie sich an diesem Abend in guter Gesellschaft.
Vielfach muss Amtsinhaber Roland Methling Kritik einstecken. Etwa bei der Frieda 23. Da sei schon viel „Druck der Bürgerschaft und der Fraktionen“ notwendig gewesen, um zu Ergebnissen zu kommen, greift Karina Jens den Verwaltungschef an. „Bei einer konsequenten Verwaltungsführung hätten wir die Frieda schon vor zwei Jahren fertiggestellt“, stimmt Blauel der Bürgerschaftspräsidentin zu und demonstriert die Bedeutung des Hauses anhand eines Dreiecks von Volkstheater, Frieda 23 und dem Peter-Weiss-Haus: „Wir brauchen die Räume!“

Methlings Motto ist klar: Nur dank konsequenter Haushaltskonsolidierung habe die Hansestadt jetzt wieder Spielraum für weitergehende Kulturförderung oder einen Theaterneubau. Dass dieser kommen muss, darüber herrscht weitgehend Einigkeit.

Auch wenn es an diesem Abend wenig Konkretes gab und die Jugendkultur doch etwas zu kurz kam, wurde zumindest eins deutlich: Rostocks Kulturlandschaft besteht nicht nur aus Volkstheater, Kunsthalle und der Frieda 23. Und für die vielen kleinen unerwähnten Orte der Kunst, die mit viel Idealismus, Kraft und meist ganz ohne finanzielle Förderung die Hansestadt beleben, gab es von Anna Silberstein noch einen „analogen Routenplaner“. Möge der eine oder andere Kandidat einen Blick auf diese Karte werfen!