Schwedische Kunst in der Kunsthalle Rostock

Ausstellung „Falling from Grace“ junger schwedischer Künstler – Schwedische Malerei und Grafik aus der Sammlung der Rostocker Kunsthalle

17. Februar 2012, von
Johanna Karlin in der Kunsthalle Rostock
Johanna Karlin in der Kunsthalle Rostock

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ – so ähnlich soll gestern Morgen ein Mitarbeiter der Reinigungsfirma gefragt haben, der die Kunsthalle für die Eröffnung der neuen Ausstellung putzte. „Endlich haben wir seit Beuys diesen Satz auch mal in unserem Haus gehört“, freut sich Kunsthallenleiter Dr. Jörg-Uwe Neumann, als er am Abend die ersten Gäste zu „Falling from Grace“ begrüßt.

„Das wurde nicht richtig weggeräumt“, raunen auch einige Nachzügler, als sie in die Ecken der oberen Etage des Kunstmuseums blicken – dort, wo 13 junge schwedische Künstler ihre Werke präsentieren. Hier und da liegen Kartonschnipsel verstreut, als wären sie vom Auspacken der Leinwände, Zeichnungen und Objekte übrig geblieben.

Schwedische Kunst in der Kunsthalle Rostock
Schwedische Kunst in der Kunsthalle Rostock

Aber nein, sie wurden von Johanna Karlin dort installiert, genauso wie ihre dynamischen Kartons. Ausgangspunkt für ihre freie Konstruktion war eine Papierfabrik in den Wäldern von Småland. Fasziniert von den kontinuierlichen Bewegungen einer Stanzmaschine, drehte sie einen Film, der im Loop bodennah an die Wand projiziert wird. Die Kartons brachte sie mit nach Rostock und warf die weiße und hellbraune Pappe locker zu einer raumfüllenden Installation. Leichtigkeit und Behaglichkeit vermittelt die Stockholmerin, die für ihre minimalistischen Arbeiten bekannt ist.

Daniel Segerberg
Daniel Segerberg

Sie präsentiert damit eine eher ungewöhnliche Position für die Ausstellung mit dem Titel „Falling from Grace“ (in Ungnade fallen). „Sie findet ihren Ausgangspunkt in Studien über den Wohlfahrtsstaat Schweden, die zeigen, dass junge Menschen, die in den 1990er und 2000er Jahren in Schweden aufgewachsen sind, einen niedrigeren Lebensstandard haben als ihre Elterngeneration“, erklärt Kurator Martin Schibli vom Kunstmuseum Kalmar, das für diese Schau mit der Kunsthalle Rostock zusammenarbeitet. „In Schweden ist man gewohnt, dass alles besser wird“, weist er auf ein Dilemma hin, das den Schweden zunehmend zu schaffen mache. Die Transformation der Sozialsysteme sei schon längst im Gange, wie Daniel Segerbergs Installation „Change of System“ verdeutlicht, die er extra für diese Ausstellung aus quadratischen Laminatteilen wie ein luftiges dreidimensionales Puzzel symmetrisch in die Höhe wachsen ließ. „Der Boden unter den Füßen der Sozialwohnungsbewohner löst sich auf“, deutet ein Besucher das Kunstwerk.

Bo Christian Larsson in der Kunsthalle Rostock
Bo Christian Larsson in der Kunsthalle Rostock

Doch „nichts ist perfekt“, meint Bo Christian Larsson und kann dem Dilemma auch positive Seiten abgewinnen. Alles nur ein Spiel? Unvollkommen hat er Wände geschwärzt und so eine Bühnensituation geschaffen. Als Schauspieler treten alte UFA-Mimen in Form von Bildern auf einem Fake-Ofen auf. Ihre Essenz: Augen, Ohren, Nasen sind herausgeschnitten.

Daneben hat eine alte Standuhr auf „ekligen Holzfüßen“ ihren Geist aufgegeben. Ihr Innenleben ausgespuckt hat sie ihre Bedeutung als Uhr verloren. Die Möbelstücke erinnern an die Vorliebe der Schweden, sich ein gemütliches Heim einzurichten. Ikea lässt grüßen.

Gustav Helberg
Gustav Helberg

Im Kontrast zu den urigen Objekten von Bo Christian Larsson steht in unmittelbarer Nähe ein weiß lackiertes Ding von Gustav Helberg. Die Form erinnert an einen Bunker. Und tatsächlich beschützt es ein lebhaftes Inneres. Als Besucher muss man sich schon bücken, um die beiden Filme in der Mitte zu entdecken, die der Schwede aus Realityshows zusammengeschnitten hat. „Was ist wirklich, was ist nicht wirklich, Schutz, drinnen und draußen“, darum geht es dem Künstler, der, wie andere Künstler der Ausstellung auch, seit Jahren in Berlin lebt.

Sara-Vide Ericsson
Sara-Vide Ericsson

Zum ersten Mal in Deutschland hingegen stellt Sara-Vide Ericsson ihre Malereien und Zeichnungen aus. Sich betrogen fühlen, Misstrauen, Angst sind Themen, welche die 28-jährige Künstlerin beschäftigen. In ihren Porträts studiert sie, wie diese Gefühle den Gesichtsausdruck verändern.

Von Leichtigkeit bis Misstrauen, Filmclips, Objekte, Malerei – das Bild von der heilen Astrid Lindgren Welt ist nicht alles, was Schweden zu bieten hat.

Ninia Sverdrup hat die Szenen für ihre Filme in Berlin gefunden
Ninia Sverdrup hat die Szenen für ihre Filme in Berlin gefunden

Parallel zu der Ausstellung „Falling from Grace“ sind in der unteren Etage Malereien und Grafiken aus der Sammlung der Kunsthalle zu sehen. Sie stammen aus den sechziger bis achtziger Jahren, als in Rostock die Ostseebiennalen stattfanden. An die Tradition, Kunst aus dem Ostseeraum zu zeigen, möchte die Kunsthalle mit diesen beiden Ausstellungen wieder anknüpfen, erklärt Jörg-Uwe Neumann.

Die Ausstellung „Falling from Grace“ ist noch bis zum 9. April und „Schwedische Malerei und Grafik aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock“ bis zum 4. März dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet sechs, ermäßigt vier Euro.

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