Seemannslieder, sogenannte Shantys, haben eine sehr lange Tradition. Was früher ein Zeitvertreib während der Arbeit und die Verarbeitung von Erlebtem war, ist heute nur noch ein Hobby. Aber eines, das überall auf der Welt und auch in ganz Deutschland praktiziert wird. „Es gibt Shanty-Chöre in München, Österreich oder den USA“, räumt einer der Hauptorganisatoren, Dietmar Bellmann, ein klassisches Vorurteil aus dem Weg.
Die meisten Menschen denken bei Seemannsliedern vermutlich nur an Norddeutschland. Verständlich, bei den vielen Hafenstädten an der Nord- und Ostseeküste. Und auch die Texte, die etwa von Hamburg oder den Erlebnissen auf dem Meer handeln, lassen diesen Gedanken nahe liegen. Beim heutigen Warnemünder Shantytreffen ist jedoch ein Chor vom zweitgrößten Binnenhafen Deutschlands vertreten: die Mannheimer „Neckarmöwen“. Auch wenn sie als „Seefahrer“ aus Baden-Württemberg oft belächelt werden, ist das Shantysingen für sie eine Selbstverständlichkeit. Selbst gedichtete Liedtexte handeln daher auch nicht von den großen Weltmeeren, sondern von den Dampfern auf schwäbischem Gewässer und dem „Neckarstrand“.

Noch ein zweites Vorurteil konnte an diesem Tag widerlegt werden, nämlich, dass Shanty-Chöre nur aus Männern bestehen würden. In vielen Gesangsgruppen sind zwischen den „Seemännern“ auch „Seefrauen“ zu entdecken. „So wie es heute Frauen in der Marine gibt, gibt es auch Frauen in den Chören“, berichtet Bellmann, der lange Zeit Chorleiter bei „De Klaashahns“ gewesen ist. Im nächsten Jahr wird vermutlich der „Damen-Shanty-Chor“ aus Cuxhaven auf der Warnemünder Woche auftreten. Bis jetzt gibt es in Deutschland keinen zweiten Chor mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern.


Denn neben der Tradition ist beim Shantysingen vor allem die Gemeinschaft wichtig. Früher der Zusammenhalt der Seeleute, heute die Einheit des Chores und die Begeisterung der Zuhörer. „Man will die Menschen mit den Liedern erreichen“, sagt Dietmar Bellmann, der zum finalen Gruppengesang die sieben Chöre dirigiert.
Und um das umzusetzen, schwingt der ein oder andere auch schon einmal das Tanzbein mit einer Frau aus dem Publikum oder stellt sich zwischen die schunkelnde Menge.
Und nicht nur die Touristen werden heute sehr erfreut darüber gewesen zu sein, bei ihrem Urlaub an der Ostseeküste etwas (vermeintlich) typisch Norddeutsches erlebt zu haben.Fotos vom 13. Shanty-Treffen 2011 in Warnemünde:

De Klaashahns beim Shantytreffen 2011 in Warnemünde 
Graf Luckner Burgdorf beim Shantytreffen 2011 in Warnemünde 
Neckarmöwen beim Shantytreffen 2011 in Warnemünde 
Shantychor Brinkum beim Shantytreffen 2011 in Warnemünde 
Stella maris aus Kyritz beim Shantytreffen 2011 in Warnemünde