Syntero sucht neue Wege zum Wiederaufbau von Gewebe

Forschungsverbund aus den beiden Universitäten des Landes und vier regionalen Unternehmen will neue Biotechnologien für regenerative Therapien entwickeln

10. Oktober 2011, von
Wirtschaftsminister Jürgen Seidel schaut der Biologie-Laborantin Stefanie Adam bei der Arbeit über die Schultern
Wirtschaftsminister Jürgen Seidel schaut der Biologie-Laborantin Stefanie Adam bei der Arbeit über die Schultern

Regenwürmer und Salamander machen es uns Menschen vor: Verlieren sie ein Körperteil, wächst es wieder nach. „Prinzipiell hat auch der Mensch diese Fähigkeit, man muss nur wissen, wie man es macht“, sagt Professor Dr. Joachim Rychly, Zellbiologe an der Universität Rostock.

Sein Arbeitsbereich hat die Federführung bei dem neuen biotechnologischen Forschungsverbund Syntero übernommen. Forschungsgruppen der beiden Universitäten des Landes und vier biomedizinische Unternehmen aus unserer Region wollen darin dem natürlichen Nachwachsen von Körperzellen auf die Sprünge helfen und so neue Ansätze der Geweberegeneration entwickeln.

„Wir wollen von der Reparatur zur Regeneration kommen“, erläutert Professor Dr. Hans-Georg Neumann, Geschäftsführer der beteiligten DOT GmbH Rostock, den großen Traum, dem die Forscher mit ihrem Vorhaben ein kleines Stück näher kommen wollen. Vor allem Lösungen für den natürlichen Wiederaufbau von Knochen-, Knorpel- und Weichgewebe sollen im Verbund gefunden werden.

Es sollen neuartige Implantate entwickelt werden, die das umgebene Gewebe nach Tumorerkrankungen, Unfällen oder Verschleiß zum natürlichen Wiederaufbau anregen. Damit soll die Anatomie wiederhergestellt werden und die Funktionsfähigkeit erhalten bleiben.

Orthopäde Prof. Dr. Thomas Tischer erläutert Therapieformen bei Knorpelschäden
Orthopäde Prof. Dr. Thomas Tischer erläutert Therapieformen bei Knorpelschäden

Schon jetzt werden bei Knorpelschäden beispielsweise sogenannte autologe Knorpelzelltransplantationen durchgeführt. Dafür werden dem Patienten Knorpelzellen entnommen, diese dann in einem Labor vermehrt und anschließend in den Knorpeldefekt eingespritzt. Der Aufwand für diese Therapieform ist hoch: Zwei OPs sind nötig und die Zellzüchtung kostet bis zu 20.000 Euro.

„Wenn man das hochrechnet auf die möglichen Defekte, die man behandeln könnte, entstehen gigantische Summen, die so keiner finanzieren kann“, weist Professor Dr. Thomas Tischer auf die Folgen die Kostenentwicklung hin. Da mit zunehmender Lebenserwartung auch die verschleiß- und tumorbedingten Erkrankungen ansteigen, verschärft sich die Situation. „Die Patienten werden immer anspruchsvoller. Sie wollen immer länger aktiv bleiben“, gibt der Orthopäde der Universitätsklinik Rostock zu bedenken.

Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa 400.000 Hüft- oder Knieendoprothesen eingesetzt. Weiterhin ist davon auszugehen, dass hierzulande 270.000 arthroskopische Operationen am Gelenkknorpel oder Meniskus vorgenommen werden. Bei etwa 60 Prozent der Patienten liegt ein Knorpeldefekt vor, bei denen potenziell der Einsatz moderner Knorpelersatzkonstrukte infrage kommt.

Mit dem Syntero-Projekt sollen derartige Zelltherapien nun noch wirksamer und kostengünstiger werden.

Grundlage sind bereits entwickelten Biomaterialien: Membrane, die als Implantate eingebracht werden. Neu ist nun, dass diese Implantate biofunktionalisiert werden sollen. Das heißt, sie sollen eine spezielle bioaktive Schicht erhalten, die körpereigene Stammzellen oder andere Zellen anlockt und so anreichert, dass diese in Gewebezellen umgewandelt werden. Auf diese Weise soll schließlich neues leistungsfähiges und belastbares Knorpelgewebe entstehen.

„Die Stammzelltherapie und Nanomedizin gelten als Schlüsseltechnologien in der regenerativen Medizin und sollen mit der Implantatbiomedizin verknüpft werden“, erklärt Joachim Rychly.

Die Partner im Forschungsverbund Syntero sind auf diese Bereiche spezialisiert und wollen durch die Zusammenarbeit neue Produkte in ihren einzelnen Unternehmen entwickeln.

Prof. Dr. Hans-Georg Neumann und andere Vertreter der Verbundpartner nehmen die Fördermittelbescheide vom Wirtschaftsminister Jürgen Seidel entgegen
Prof. Dr. Hans-Georg Neumann und andere Vertreter der Verbundpartner nehmen die Fördermittelbescheide vom Wirtschaftsminister Jürgen Seidel entgegen

Insgesamt 4,6 Millionen Euro werden für dieses Projekt ausgegeben. Und da das Forschungsvorhaben nicht nur von medizinischer, sondern auch von wirtschaftlicher Bedeutung ist, stellt das Wirtschaftsministerium des Landes 3,3 Millionen Euro aus Mitteln europäischer Fonds dafür bereit. 24 Arbeitsplätze sollen innerhalb der Projektlaufzeit von vier Jahren in den beteiligten Unternehmen entstehen.

Für Wirtschaftsminister Jürgen Seidel, der am letzten Freitag die Fördermittelbescheide übergab, stellt die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft einen „ganz entscheidenden Weg für Mecklenburg-Vorpommern“ dar, „um zu neuen wissensbasierten und nachhaltigen Arbeitsplätzen zu kommen“.

Für die Förderung von Verbundforschung hat das Ministerium seit 2007 insgesamt 105,4 Millionen Euro für 582 Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie technologieorientierte Netzwerkvorhaben bewilligt, davon 233 Verbundprojekte (66,6 Millionen Euro).

Auch in der neuen Legislaturperiode, so Seidel, soll ein Schwerpunkt in diesem Bereich gesetzt werden, der in dieser Woche auch Bestandteil der Koalitionsgespräche ist.

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