Tag des offenen Denkmals 2010 in MV
Rittergut, Gutshaus und Schlossruine im Norden
13. September 2010, von Elina
„Vorsicht, der schnappt manchmal zu.“ Erschrocken weiche ich einen Schritt von dem schönen, aber leider ausgestopften Fuchs zurück, dem ich mich zuvor neugierig genähert hatte.
Die Warnung stammt von Gutsherr Dr. Klaus Prömmel, dem Besitzer des imposanten Ritterguts Nustrow, in dessen Eingangshalle wir uns befinden. Gleich darauf tritt er an meine Seite und krault das tote Tier liebevoll hinter den Ohren.

Die nächste Führung finde erst in einer halben Stunde statt, solange könnten wir uns aber zu Kaffee und Kuchen ins Kaminzimmer setzen, bietet er uns an. Dieses Angebot können wir natürlich unmöglich ablehnen.
Nach vorübergehender Sättigung am reichhaltigen Kuchenbuffet kann die Führung mit der Gruppe beginnen.

Das pompöse Gebäude mit 2100 Quadratmetern Nutzfläche und einer Deckenhöhe von 4,30 Metern im Erdgeschoss wurde 1830 erbaut.
An gleicher Stelle stand ursprünglich ein Wasserschloss, Teile der alten Wasserläufe und ein Flügel der etwa 500 Jahre alten Schlossanlage sind noch heute erhalten. „Der wurde allerdings so stark renoviert, dass Sie ihn heute wahrscheinlich nicht mehr wieder erkennen würden“, gesteht Gutsherr Klaus Prömmel.

Mit der Bodenreform 1945 wurde seine Familie enteignet und erschossen, lediglich der Vater überlebte, weil er zu dem Zeitpunkt außer Haus war. In der Nachkriegszeit wurden im Rittergut Flüchtlinge untergebracht, im Kaminzimmer war eine Typhus-Station.
Heute befindet sich das Gut wieder im Besitz der Familie Prömmel. Nach aufwendigen Renovierungsarbeiten ist das großzügige Gebäude mit Café, Restaurant und Gästezimmern ausgestattet und steht auch für Familienfeiern, Hochzeiten und Seminare offen.
Gewissermaßen als Kontrastprogramm könnte man unseren nächsten Punkt beim „Tag des offenen Denkmals“ betrachten.

Obwohl ebenfalls ein Relikt aus früherer Zeit, geht man bei der Renovierung des Gutshauses Bobbin in Wasdow auf ganz andere Weise vor. Doch beginnen wir ganz von vorn.
Die Geschichte des Gutshauses reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück, als Helmuth Hartwig von Blücher seinem Sohn Anton Friedrich das Haus vermachte. Im Besitz von dessen Nachkommen blieb das Gebäude bis ins Jahr 1912, als der Domänenrat Carl Schmidt das Gut für 1,5 Millionen Reichsmark kaufte und es seinem Sohn Richard übertrug.

Da dieser sich zu dem Zeitpunkt noch in Ausbildung befand, konnte er es erst bei seiner Eheschließung 1922 übernehmen, am 1. Mai 1945 wurde Richard Schmidt jedoch von den Russen erschossen. „Da hinten, hinterm Baum“, wie Mario Lenkeit während der Führung sagt.
2003 hatte Lenkeit das Gutshaus gemeinsam mit seiner Frau gekauft, die Sanierung erfolgt schrittweise und ohne Kredit, „so wie das Geld gerade da ist“.

Bei der Sanierung benutzt der Gutsherr fast ausschließlich die ursprünglichen Materialien, darunter alte Lehmsteine für den Wandverputz. Eine Heizung hat es hier nie gegeben und soll es auch nicht geben, stattdessen gibt es in jedem Raum Öfen.
Das dazugehörige Holz wird ebenfalls selbst beschafft. „Das steht noch im Wald. Beim Fällen wird einem so warm, da braucht man gar nicht mehr zu heizen“, so Lenkeit.

Einige Räume befinden sich noch im Rohzustand, andere sind schon komplett saniert und möbliert. Beim Kauf hatte das Haus jedoch komplett leer gestanden, sodass das Mobiliar erst nach und nach herbeigeschafft werden muss.
In einem Zwischenstadium der Renovierung befindet sich ein Schlafzimmer im Obergeschoss, welches früher einmal als Kinderzimmer gedient hatte. Unter einigen Tapetenschichten kam dort eine etwa 100 Jahre alte Wandbemalung mit Märchenmotiven zum Vorschein, die restauriert werden soll.
Ein regelmäßiges Highlight der nahen Umgebung und weitere Einnahmequelle für die Sanierung ist der sonntägliche Flohmarkt in einer Scheune neben dem Gutshaus. Auf 600 Quadratmetern werden dort Möbel, Gebrauchsgegenstände und Kleidung aus Haushaltsauflösungen an den Mann gebracht. Auch diese Gelegenheit konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen.
Letztes Ziel unserer Rundtour durch Mecklenburg war die bekannte Kloster- und Schlossanlage Dargun. Nach herrschaftlichen Anwesen und prunkvollem Mobiliar ist die gewaltige Ruine auf den ersten Blick dann jedoch etwas enttäuschend.

Bedauerlicherweise hatte man sich erst im Jahr 1990 dazu entschlossen, das Bauwerk zu erhalten und schrittweise zu erneuern. Davor war es vollständig sich selbst und dem Verfall überlassen worden, sodass nicht viel mehr als die Außenwände stehen geblieben sind.

Bei der Sanierung der dazugehörigen Kirche hatte man sich jedoch schon große Mühe gegeben. Auch als Nicht-Kirchengänger ist der Blick durch die deckenhohe Glasfront auf den ruinösen Rest des Kirchenschiffs ein atemberaubender Anblick.
Und als hätten wir an diesem Tag nicht schon genug Türme bestiegen, kamen wir auch um diesen Kirchturm nicht herum. Nach dem Besteigen der sehr engen und sehr steilen Wendeltreppe findet sich der waghalsige Besucher in schwindelerregender Höhe wieder.
Belohnt wird er dafür mit einem unvergesslichen Blick auf die dörfliche Umgebung und in die Tiefen der Ruine – ein schöner Abschluss für einen ebenso schönen Tag. Bis zum nächsten Mal, wenn die Denkmäler den Besuchern beim „Tag des offenen Denkmals“ wieder einmalige Einblicke gewähren.