„Reif für die Insel“ im Theater im Stadthafen
Der Theaterjugendclub 2 des Volkstheaters Rostock zeigt eine moderne Robinsonade
11. Juni 2011, von Andre
Seid ihr schon mal mit einem Flugzeug abgestürzt? Ich schon, obwohl ich noch nie geflogen bin. Denn die 20 Schüler und Studenten des Theaterjugendclubs 2 am Volkstheater Rostock beginnen ihr Stück direkt mit einem Paukenschlag. Das Licht fällt aus, Schreie. Instinktiv greife ich unter meinen Sitz und suche nach der Rettungsweste, doch vergebens. Ich überlebe die Landung, die 20 Jugendlichen auch. Wir sind aber die einzigen Überlebenden. Bin ich überhaupt „Reif für die Insel?“ Die Jungen und Mädchen sind es auf jeden Fall.

Robinsonade nennt sich dieses Motiv. Ob es nun der namensgebende Robinson Crusoe ist oder die Überlebenden des Fluges 815 bei LOST, immer finden sich die Protagonisten ungewollt auf einer scheinbar leeren Insel wieder. Ein ganz wichtiger Roman in diesem Genre war 1954 der „Herr der Fliegen“. Und dieses Buch diente auch als inhaltliche Grundlage für die Arbeit im Jugendclub. So sollte das Stück auch ursprünglich „Das Heer der Fliegen“ heißen, was aber die Rechteinhaber nicht wollten. Dass der Titel nun nicht mehr an das Original von William Golding erinnert, macht aber nichts. Denn die Rostocker Fassung hat – bis auf die Grundidee, dass Kinder durch einen Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel landen – nur wenig mit der Buchvorlage gemein.

Seit September 2010 haben sich die Jugendlichen unter der Leitung von Peter Thiers und Tina Seebruch das Stück komplett selbst erarbeitet. Anfangs noch recht vage und nur in einzelnen Szenen, kristallisierte sich doch immer mehr ein roter Faden heraus. Die Theatermacher holten die Thematik in die Gegenwart und verwandelten den Unfall in eine TV-Show. Das Saalpublikum ist live dabei, wie Moderator Tommy das Geschehen kommentiert und später sogar manipuliert. Das Dschungelcamp ist Schnee von gestern, das neue Reality-TV-Format heißt „Reif für die Insel.“

Durch diese sehr clevere Idee wird dem Ganzen eine spannende, neue Ebene verpasst. Wie weit darf das Fernsehen gehen, was kann gezeigt werden und wie schnell geraten Showformate außer Kontrolle – all das wird angesprochen. Für die Gestrandeten ist die ganze Situation jedoch kein Spiel, sie wissen nicht, dass sie Teil einer Show sind. Für sie ist das Inselleben die harte Realität.
Und so entstehen Konflikte. Gruppen bilden sich. Das Essen wird knapp. Intrigen werden gesponnen. Die Situation spitzt sich immer mehr zu. Langeweile macht sich breit. Schließlich stirbt der erste Jugendliche. Und spätestens hier fühlt man sich als Zuschauer das erste Mal unwohl. Denn durch die Anlage des Stückes wird man zum hilflosen, voyeuristischen Zusehen gezwungen. Es gibt keine Fernbedienung, mit der man den Sender wechseln kann.

Der Moderator verliert die Kontrolle, die Situation auf der Insel spitzt sich immer weiter zu. Das Stück packt einen bis zum Schluss, der hier natürlich nicht verraten werden soll. Doch zum Glück kann man zwischendrin auch etwas die Anspannung lösen und auch mal laut lachen oder staunen, zum Beispiel über die tollen Kostüme. Auch sie tragen dazu bei, dass man sich ganz ohne Sand auf der Bühne wie auf einer kleinen Insel fühlt. Mein Highlight war jedoch eine Gruppentanzszene. Die Choreografie entstand zusammen mit zwei professionellen Tänzerinnen und sieht wirklich beeindruckend aus. Ganz große Leistung.

Die Figuren wirken sehr glaubhaft, was sicher auch daran liegt, dass die Schauspieler viel Spaß haben. Das bestätigten mir auch Jakob Rentsch (18), Wibora Broschinski (16) und Nico Went (19). „Es war ein tolles Erlebnis und hat mir super gefallen“, sagte Nico, der Chemie studiert. Wibora und Jakob gehen noch zu Schule und gestehen, dass diese doch ein wenig unter der Theaterarbeit leiden musste. „Es war schon schwierig, Schule und Theater unter einen Hut zu bringen, aber es hat irgendwie geklappt“, lacht Jakob. Für Wibora war es schon der zweite Theaterjugendclub und sie würde es sofort wieder machen. „Wir haben uns alle wirklich sehr viel selbst mit eingebracht und sind richtig gut zusammengewachsen mit der Zeit.“
Alle drei waren auch sehr begeistert von ihren Jugendclubleitern. Peter und Tina kommen zwar beide aus Rostock, studieren aber nun in Leipzig, was die ganze Arbeit natürlich ziemlich erschwerte. „Fernregie ist immer schwerer, aber dafür bin ich doppelt so stolz auf das Ergebnis“, sagte Peter und gestand, für die heiße Phase auch mal eine Woche die Uni geschwänzt zu haben.
Ihr solltet euch selbst davon überzeugen, mit wie viel Freude und Herzblut die Studenten und Schüler bei der Sache sind. Am 17. Und 18. Juni könnt ihr euch im Theater im Stadthafen selbst auf die Reise begeben. Aber nehmt am besten eine Rettungsweste mit, ihr könntet sie brauchen.