Rostock schlägt Dortmund und München! Wer hätte das gedacht? Sogar Barcelona, Amsterdam und Rom haben wir weit hinter uns gelassen.
Nein, wir sind nicht über Nacht in die 1. Fußball-Bundesliga zurückgekehrt, von internationalen Gefilden ganz zu schweigen. Der FC Hansa muss weiterhin kleine Brötchen backen.
Den ersten Platz belegt Rostock in einer europäischen Studie, die die Lebensqualität aus Bürgersicht untersucht. Natürlich nur in einzelnen Disziplinen, nicht etwa in der Gesamtwertung, die so allerdings auch gar nicht ermittelt wurde.
Für 97 Prozent der Einwohner ist Rostock demnach eine gesunde Stadt zum Leben – Spitzenplatz unter den 75 befragten europäischen Städten. Auch die Luftverschmutzung ist für die Hansestädter im europäischen Vergleich am wenigsten ein Thema und – man höre und staune – nirgendwo sonst fühlten sich die Befragten in ihrer Nachbarschaft so sicher wie in Rostock – was auch immer das genau heißen mag.
Seit 2009 arbeitet die Hansestadt Rostock an dem europäischen Städtevergleich „Urban Audit“ mit. In über 600 europäischen Städten werden dafür jährlich statistische Daten erhoben, die die Lebensqualität beschreiben. Neben diesen objektiven Daten werden etwa alle zwei Jahre Umfragen durchgeführt, um die subjektive Wahrnehmung der Lebensqualität durch die Einwohner zu messen.
Etwa 500 zufällig ausgewählte Einwohner ab 15 Jahren wurden dazu in jeder Stadt telefonisch befragt, die Ergebnisse anschließend auf die Altersstruktur hochgerechnet. 2009 nahm Rostock den Platz von Frankfurt/Oder ein und war damit erstmalig Teil der Umfrage.
Eine Gefahr bei derartigen Erhebungen besteht darin, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Um diese Problematik etwas zu entschärfen und Rostock nicht nur mit den meist doch sehr viel größeren europäischen Städten zu vergleichen, führte die „Arbeitsgemeinschaft koordinierte Umfragen zur Lebensqualität“ im November 2009 zeitgleich in weiteren 20 deutschen Städten eine identische Umfrage durch.

„Dass wir das schönste Rostock der Welt sind, das wissen wir“, betonte Ulrich Kunze, Sprecher der Hansestadt, gleich zu Beginn. Lokalpatriotismus hin oder her, einmal nicht nur die Fremd-, sondern auch die subjektive Eigenwahrnehmung der Rostocker zu betrachten, dürfte nicht nur für die Stadtverwaltung ganz interessant sein.

Rostock ist schön! Was das städtebauliche Erscheinungsbild betrifft, sind 38 Prozent der Einwohner sehr und weitere knapp 50 Prozent eher zufrieden. Damit belegt unsere Hansestadt nicht nur den Spitzenplatz, sondern lässt auch Städte wie Freiburg, Konstanz oder München hinter sich.
Zufrieden sind die Rostocker auch mit der Infrastruktur und den öffentlichen Verkehrsmitteln, hier liegt die Stadt auf dem 4. Rang.
85 Prozent der Rostocker sind mit der Gesundheitsversorgung zwar recht zufrieden, dennoch reicht dieser Wert trotz Südstadt- und Uniklinikum nur für den 21. Platz und damit das unterste Viertel im deutschlandweiten Vergleich.

Kaum verwunderlich, dass die Großstädte München, Berlin und Stuttgart mit ihrem breiten Kulturangebot führen. „Im deutschen Vergleich sind jedoch sieben Städte kleiner als Rostock“, gibt Carmen Becke zu bedenken, „die sich alle oberhalb von Rostock befinden.“ Dass dennoch fast 80 Prozent sehr oder eher zufrieden sind, sei „noch ein gutes Ergebnis“, relativiert Scholze die Zahlen.
Eine gute und preiswerte Wohnung zu finden, ist in Zwickau und Leipzig am einfachsten. Rostock liegt hier im Mittelfeld, nur knapp die Hälfte der Einwohner empfindet die Suche nach adäquatem Wohnraum als leicht.
Deutlich problematischer wird die Suche nach einer guten Arbeit eingeschätzt. Nur Zwickau wird von seinen Bewohnern bei dieser Frage noch schlechter beurteilt als die Hansestadt. 75 Prozent der Rostocker sehen hier Probleme, gar nur 0,6 Prozent empfinden es als sehr leicht, eine gute Arbeit zu finden – Negativrekord. In der Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen beurteilen sogar knapp 90 Prozent ihre Jobaussichten pessimistisch.
Für fast zwei Drittel der Hansestädter ist Armut ein Problem, wobei dieses Thema bei den bis zu 24-Jährigen mit 40 Prozent eine etwas geringere Rolle spielt. Rostock liegt hier im unteren Mittelfeld.
Für den Finanzsenator ein Punkt, der zu hinterfragen sei: „Was wird als Armut empfunden, wo sind die Vergleichsmaßstäbe?“ Im Gegensatz zu statischen Jahrbüchern und EU-Definitionen der relativen Armut ging es hier aber eher um die subjektiv empfundene Lebensqualität der Einwohner.
Da sollte man als Finanzsenator deren Ängste durchaus ernst nehmen und nicht mit dem Hinweis, dass die Rostocker laut der Umfrage „keine signifikanten Schwierigkeiten haben, am Ende des Monats ihre Rechnungen zu bezahlen“ ein wenig lapidar unter den Tisch kehren. Einige dürften am Ende des Monats ganz andere Probleme haben, als eine möglicherweise überhaupt nicht vorhandene Rechnung nicht bezahlen zu können.
Nur knapp 29 Prozent der Rostocker finden, dass die Stadt verantwortungsvoll mit ihren Mitteln umgeht, ein unbefriedigender 21. Platz im deutschen Vergleich. Noch schlechter sieht es bei der Beurteilung der Verwaltungsdienstleistungen aus. Nur jeder dritte Einwohner hält diese für effizient. Finanzsenator Scholze wies zwar zu Recht darauf hin, dass rund ein Drittel der Rostocker „keine Angaben“ machten. Sich mit Leipzig und Berlin die rote Laterne zu teilen, dürfte für die Stadtverwaltung dennoch nicht zufriedenstellend sein.

„Wir kommunizieren zu wenig, was wir Gutes tun“, lautet die erste Ableitung des Senators, der eher ein reines Kommunikationsproblem sieht. Sein Fazit: „Rostock steht sehr gut da, Rostock ist eine lebenswerte Stadt, in Rostock lässt es sich leben und Rostock nimmt zumindest einen europäischen Spitzenplatz ein und darauf können die Rostockerinnen und Rostocker stolz ein.“
Interessant dürfte der Vergleich der subjektiv empfundenen Lebensqualität mit den objektiv erhobenen Daten der Statistikstelle sein, an diesem werde jedoch noch gearbeitet, wie Carmen Becke auf Nachfrage erklärte.