Wie einst in historischen Zeiten, so sind die Rostocker Wallanlagen auch heute noch umstritten. Zum Glück wird der Krieg jedoch nicht mehr mit Kanonen geführt, sondern mit verbalen Auseinandersetzungen. 2900 Verteidiger der Stadtnatur haben nun ihren Namen auf eine vom Naturschutzverein BUND Rostock initiierte Unterschriftenliste gesetzt. Gestern wurde sie an die Präsidentin der Bürgerschaft Karina Jens übergeben - durch eine Delegation BUND-Mitglieder, von denen sich einige auch bei den Grünen und der Initiative Rostocker Frühling engagieren.
Wildnis gegen Gartenpflege - das sind die beiden oppositionellen Lager jener, die sich Gedanken um die Gestaltung der Wallanlagen machen. Es gilt, wie so oft, das rechte Maß zu finden. Auf dem Kanonsberg, so die einhellige Meinung auf beiden Seiten, sei man über das Ziel hinausgeschossen. Wo einst ein kleines Wäldchen den Hügel mit Blick auf den Stadthafen bedeckte, hat es vor einigen Jahren einen Kahlschlag gegeben. Verantwortlich dafür war die Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung (RGS), die Fördermittel für die „Sanierung“ einsetzte. Verschiedenen Interessen wie Barrierefreiheit und Denkmalschutz sollte die Erneuerung gerecht werden. Doch dann wurden mehr Bäume gefällt, als geplant. Nur vier von ursprünglich 99 Bäume blieben stehen. Der Hang kam ins Rutschen und musste künstlich nachgesichert werden. Die Gesamtkosten beliefen sich auf über zwei Millionen Euro. Selbst die zuständigen Ämter der Stadtverwaltung räumen inzwischen ein, dass der Kanonsberg verunfallt sei.

„Wir haben Indizien, dass die Rostocker überwiegend lieber den naturnahen Zustand wollen, beruft sich Dr. Thomas Pitsch auf zwei nicht repräsentative Befragungen, die im Rahmen der Unterschriftensammlung durchgeführt wurden. Demnach sprachen sich 93 Befragte für den Erhalt der Wallanlagen mit den Gehölzen, so wie sie jetzt sind, aus. Elf Antworten befürworteten geringfügige Auflichtungen. Keine Zustimmung fanden umfangreiche Auflichtungen, die die Form der Verteidigungsanlage wieder sichtbar machen, wie auf den Kanonsberg und „alles weg“ wollte auch niemand.

Probleme und Kosten werden jedoch gerade durch das Entfernen von Gehölzen auf Hängen verursacht, argumentiert Ulrich Söffker und führt neben den Kanonsberg auch den Abhang bei der Petrikirche an. „Das sind zwei Bereiche, wo exemplarisch der alte Charakter zu erkennen ist. Dazwischen, gerade in der Nähe von der Einkaufsstraße, ist eine Naturoase ein sinnvolles Gegenmodell“, plädiert er für naturnahe Wallanlagen.