Vor einem Jahr rollten zwei LKW-Ladungen mit dem Nachlass des literarischen Archivs Uwe Johnsons vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach zur Universitätsbibliothek nach Rostock. Zu dem Ort, wo der Schriftsteller in seinen ersten Studienjahren in den 1950er Jahren wichtige literarische Impulse erhielt.
Inzwischen wurden die etwa 8.000 Bücher seiner Privat- und Arbeitsbibliothek geordnet und sind nun weltweit über den Onlinekatalog der Universitätsbibliothek recherchierbar. Die Titel spiegeln nicht nur das Interesse Johnson an Belletristik, sondern auch an Politik und Geschichte der USA, Großbritanniens und Deutschlands, insbesondere Mecklenburgs, wider. In vielen Büchern fanden sich Spuren seiner Arbeit und Widmungen, die seine Kontakte nachvollziehbar machen. Auf welchen Seiten sich Lesezeichen, Zeitungsausschnitte oder Fahrkarten befanden, wurde von den Bibliothekarinnen genau dokumentiert. Jetzt beginnt die Verzeichnung der 50.000 Manuskriptblätter, die später digitalisiert der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden sollen.

Der Bibliotheksleiter bittet jedoch um eine schriftliche Voranmeldung, denn das wertvolle Papier wurde in dem gut klimatisierten Magazin im historischen Bücherspeicher untergebracht. Nach gezielter Bestellung aus dem Katalog wird es dann bereitgestellt. Die Bücher Johnsons werden übrigens heute genau in den abgetrennten Magazinräumen aufbewahrt, die früher als eine Art „Giftschrank“ verwendet wurde. Hier standen solche Bücher, die nur mit besonderer Genehmigung gelesen werden durften. Zu denen gehörten zu DDR-Zeiten auch die Werke Uwe Johnsons.

Weitere Vorbenutzungsanträge liegen bereits vor. Der am weitesten entfernte stamme aus Ohio, informiert Uwe Johnson-Professor Holger Helbig über das rege internationale Interesse an den Beständen. 2012 wurden sie von der Johannes und Annitta Fries Stiftung übernommen, die sie der Universität als Depositum zur wissenschaftlichen Erschließung zur Verfügung stellte. Damit beschäftigt sich insbesondere die von Helbig geleitete Uwe Johnson-Forschungsstelle, die derzeit ein Editionsprogramm für eine Werkausgabe vorbereitet. Eine Mammutaufgabe, deren Ergebnis eine „Rostocker Ausgabe“ sein soll.