Des Kaisers neue Kleider - Weihnachtsmärchen am Volkstheater
Jürgen Eick inszeniert das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen am Rostocker Volkstheater
25. November 2016, von Stefanie
Zwei in einem bekommen die Zuschauer des Weihnachtsmärchens „Des Kaisers neue Kleider“ im Rostocker Volkstheater. Die Inszenierung von Jürgen Eick verschränkt nämlich Hans Christian Andersens berühmtes Märchen mit einer Liebesgeschichte um des Kaisers Tochter Prinzessin Katharina. Mit Krönchen, Glitzerkleid und Turnschuhen erscheint sie als die passendere Identifikationsfigur für das heutige junge Publikum als ihr Vater, die Titelfigur. Eitel, egoistisch, verschwenderisch und auch ganz schön dumm wird er von Ulf Perthel mit einer ordentlichen Portion wehleidigem Pathos dargestellt.
Wie in Märchen durchaus üblich will der Kaiser seine Tochter gegen ihren Willen verheiraten. Sein Finanzminister soll der Bräutigam werden, weil er sich davon die Auffüllung seiner leeren Kasse verspricht. In die hat nämlich seine Kleidersucht ein empfindliches Loch gerissen und dabei braucht er doch ständig Nachschub. Stündlich trägt er einen neuen Rock, heißt es bei Andersen und das bestätigt auch Prinzessin Katharina (Cornelia Wöß). Dann gefallen sie ihm schon nicht mehr.
Nachdem jedoch alle Schneider als „Versager“ im Kerker gelandet sind, herrscht Kleidernotstand. Nur einen Morgenrock trägt der Kaiser während eines Sonnenlaufs, obwohl im Bühnenbild eine reiche Auswahl zu sehen ist. Bis zur wöchentlichen Prozession, auf der er seine neueste Mode präsentiert.
Geschneidert wurde sie von zwei italienischen Webern. Als solche geben sich die beiden zumindest aus. Im Originalmärchen sind es lediglich zwei Betrüger, die ihren eigenen materiellen Vorteil suchen. Jürgen Eick hat jedoch größeres mit ihnen vor. Sie werden zu Helden: nicht nur weil sie das Mittel liefern, um die Heuchelei am Hofe bloßzustellen, sondern weil sie der Prinzessin damit helfen wollen und sie doch auch ein wenig ehrlich sind. Denn in einem Moment der Aufrichtigkeit gibt der eine sogar zu, dass sie eigentlich Rostocker Schauspieler sein.
Doch das interessiert nicht wirklich und so geben sie vor einen Stoff anzufertigen, der für jeden Menschen unsichtbar ist, der nicht für sein Amt taugt oder unverzeihlich dumm ist. Eine halbe Stunde lässt sich das Stück Zeit diesen entscheidenden Moment des Märchens darzustellen, der die Handlung dann so richtig ins Rollen bringt. Angetan von der Aussicht die Dummen von den Klugen unterscheiden zu können, tritt der Kaiser schließlich mit dem wundersamen Stoff vor sein Volk.
Zunächst mit der Stimme eines unschuldigen Kinders offenbart es ihm, dass er gar nichts anhat. Anders als bei Andersen, wo sich der Kaiser denkt: „Nun muß ich aushalten“ und sich die nichtvorhandene Schleppe tragen lässt, versteckt sich der Entblößte auf der Volkstheaterbühne voller Scham hinter einem Vorhang und gibt damit zu, dass er dem Schwindel aufgesessen ist. Auch die Darstellung des Verhältnisses zwischen Kaiser und Minister weicht vom Original ab und lässt damit wesentliche Fragen nach Wahrheit oder materieller Sicherheit, die Andersens Märchen aufwirft, unberücksichtigt.
Dafür wurde nicht mit Humor gespart und auch die Lieder und Theatereffekte stimmten das aufmerksame Premierenpublikum munter und regten zum Lachen und Klatschen an.