
Und so machte der leichte Sprühnebel, der sich kurzzeitig vor den Scheinwerfern abzeichnete, unweigerlich auf die prekäre Situation im Volkstheater Rostock aufmerksam.
Zu Beginn des zweiten Teils reagierte Peter Leonard, Intendant und musikalischer Leiter des Abends, unerwartet auf jüngst wieder laut gewordene Wortmeldungen von Politikern, die aus Kostengründen ein Bespieltheater für Rostock forderten. „Nur mit einem Mehrspartentheater kann man so etwas bieten“, wandte sich Leonard an das Theaterpublikum.
Und in dieser Sommersaison bietet es „West Side Story“, eines der erfolgreichsten Broadwaymusicals nach einem Buch von Arthur Laurents und Texten von Stephen Sondheim. Die Uraufführung 1957 wurde von Ideengeber Jerome Robbins selbst inszeniert und choreografiert.
Seither begeistert die tragische Liebesgeschichte von Tony und Maria, eine Romeo-und-Julia-Adaption, weltweit.
Nicht zuletzt dank der mitreißenden Musik von Leonard Bernstein, dessen „Maria“ oder „Tonight“ zu Hits geworden sind. Eine sichere Nummer also für den aus den USA kommenden Intendanten Peter Leonard, der den Taktstock für die Norddeutsche Philharmonie führte. Die musizierte gewohnt sauber. Ein wenig zu sauber und zurückhaltend vielleicht. Wünschte man sich an einigen Stellen doch etwas mehr von der originellen Verve der Bernstein-Musik, die mit heißen Jazznummern und lateinamerikanischer Tanzmusik, zarten Romanzen und orchestraler Wucht eine große Vielfalt zu bieten hat.
Passend dazu die Choreografie, die von Bronislav Roznos und Katja Taranu mit dem Tanztheater einstudiert wurde und mit der elektrisierenden Vorlage durch rasante Schritte und kraftvollen Ausdruck fast mithalten kann.

Sie bewegen sich in einem effizient gestalteten Bühnenbild von Andrea Eisensee. Dabei konnte sie sich auf den alten Industrie-Charme der Halle verlassen. Mit nur wenigen Lichteffekten und Requisiten werden die Schauplätze der Arbeiterviertel im New York der 50er Jahre nachgestellt. Einem Maschendrahtzaun kommt darin eine entscheidende Funktion auf der Bühne zu. Er trennt nicht nur das Orchester im Hintergrund von der Spielszene, sondern verstärkt auch das Gefühl des Eingesperrtseins.
Denn auch die Figuren des Stückes sind als Mitglieder zweier Jugendbanden Gefangene ihrer Lebensumstände. Auf der einen Seite die Jets, in Amerika geborene Jugendliche, die ihre Straßen gegen die Sharks, aus Puerto Rico stammende Neuankömmlinge, auf der anderen Seite verteidigen.

Höhepunkte der Inszenierung war neben der energiegeladenen Lobeshymne „America“, vor allem die Jets-Nummer „Gee, Officer Krupke“, in der der Spaß der Darsteller unübersehbar war. Für Lacher sorgte auch die kleine Plumpsack-Szene, eine der wenigen Abweichungen in der Inszenierung von Babette Bartz, die sich ansonsten sehr eng an die originale Bühnenfassung hielt.
Die nächste Vorstellung am 13. Juli ist bereits ausverkauft. Karten gibt es aber noch für neun weitere Aufführungen der „West Side Story“, die bis zum 30. Juli in der Halle 207 gezeigt werden. Für die Sommerspielzeit 2012 sind weitere geplant.
Fotos: Dorit Gätjen, VTR