Thorarolle hält Wiedereinzug in die Rostocker Synagoge

Ministerpräsident Sellering spricht von einem Meilenstein fürs jüdische Leben

30. Januar 2011, von
Wiedereinzug der Thorarolle in die Rostocker Synagoge
Wiedereinzug der Thorarolle in die Rostocker Synagoge

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebten im gesamten Gebiet der ehemaligen DDR nur noch weniger als 4000 Juden. Es sah so aus, als ob es hier keine jüdischen Gemeinden mehr geben würde.

Allen Umständen zum Trotz entstanden dennoch neue Gemeinden, so auch in Rostock. Allerdings wurde die hiesige jüdische Gemeinde 1989 aufgelöst – zu diesem Zeitpunkt bestand sie bereits nur noch aus einem Mitglied. 1994 fand schließlich die Neugründung statt und heute zählt sie in Rostock 697 Mitglieder, in Schwerin sind es sogar 900.

Warum erzähle ich Euch das alles? Weil für die jüdische Gemeinde Rostocks heute ein besonderer Festtag war. Seit über zwei Jahren hatte die Gemeinde Spenden für den Erwerb einer eigenen Thorarolle gesammelt, wie etwa 2008 bei einem Benefizkonzert in der HMT.

Eine Thorarolle enthält die fünf Bücher Mose und ist damit so etwas die das Handbuch der jüdischen Lebensweise.

Landesrabbiner William Wolff mit restaurierter Thorarolle in Rostock
Landesrabbiner William Wolff mit restaurierter Thorarolle in Rostock

Im Frühjahr 2010 war schließlich genug Geld zusammengekommen, zwar nicht um eine neue Thorarolle zu erwerben, aber um eine alte Rolle zu restaurieren. Diese, zudem aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Thorarolle, zog am heutigen Nachmittag in einer feierlichen Zeremonie, unter den Augen von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering, wieder in die Synagoge ein.

Landesrabbiner William Wolff führte durch die Zeremonie und ließ sich auch durch einige kleine Regiefehler nicht aus dem Konzept bringen. „Wozu ist eine Rolle da? Dass man aus ihr vorliest“, und um diesen Worten auch Taten folgen zu lassen, las Wolff aus dem 25. Kapitel des zweiten Buch Mose vor. Anschließend wurde die Thorarolle hochgehoben und der Gemeinde gezeigt.

Rostocker Thorarolle - Ergänzung der beiden Buchstaben
Rostocker Thorarolle - Ergänzung der beiden Buchstaben

„Ich hoffe, dass derjenige, der sie hochheben wird, ordentlich zu Mittag gegessen hat“, scherzte der Rabbi zuvor, da die gesamte Gemeinde 24 Stunden fasten muss, sollte die Thora auf den Boden fallen.

Glücklicherweise war das nicht der Fall – wäre auch schade um das Buffet gewesen. Damit die Rolle koscher wird, mussten noch zwei Buchstaben am Ende hinzugefügt werden, bevor der Gottesdienst fortgesetzt wurde.

Nach Predigt und Nachmittagsgebet war es schließlich an der Zeit für die Ehrengäste, einige Grußworte an die Gemeinde zu richten.

Ministerpräsident Erwin Sellering beim Wiedereinzug der Thorarolle in die Rostocker Synagoge
Ministerpräsident Erwin Sellering beim Wiedereinzug der Thorarolle in die Rostocker Synagoge

Als Erstes trat Ministerpräsident Erwin Sellering ans Mikrofon. Sellering sprach von einem Tag der Freude für die jüdische Gemeinde und einem „Meilenstein für das wiedererstandene jüdische Leben“. „Eine eigene Thorarolle, zumal aus Mecklenburg-Vorpommern, ist für die Gemeinde ein sichtbares Zeichen, dass sie an alte Traditionen anknüpfen kann“, bekräftigte Sellering und betonte zudem, dass der jüdische Glaube und die jüdische Kultur zur Vielfalt in unserer Gesellschaft beitragen, in der Rechtsextremismus, Hass und Gewalt keinen Platz haben dürfen.

Ministerpräsident Sellering mit seiner Frau und Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden
Ministerpräsident Sellering mit seiner Frau und Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden

Neben Oberbürgermeister Roland Methling war es an Stephan Kramer, dem Generalsekretär des Zentralrates der Juden, einige Worte zu äußern. In seiner Rede erinnerte er an das Leid der Juden im Dritten Reich und insbesondere an die Reichskristallnacht. Dabei betonte er, dass es auch heute noch wichtig ist, die Erinnerung als „Warnung für die Zukunft vor dem Ungeist der Vergangenheit“ am Leben zu erhalten, da gewaltbereite Extremisten leider nach wie vor in unserer Gesellschaft zu finden sind.

In diesem Sinne sollen die abschließenden Worte Ministerpräsident Erwin Sellering gehören: „Ich wünsche mir, ich wünsche uns allen, dass jüdischer Glauben in Mecklenburg-Vorpommern nie wieder aufhören mag, bis ans Ende der Welt.“

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