Stadtdialog Zukunftsplan - Rostock probt die Bürgerbeteiligung

Grünflächen, Verdichtung, neue Baugebiete und die Wachstumsprognose sorgten für Diskussionen beim Umwelt-Workshop zum Flächennutzungsplan

6. April 2018, von
Visualisierung eines Planspiels beim Umweltworkshop im Rahmen des Stadtdialogs zum Zukunftsplan
Visualisierung eines Planspiels beim Umweltworkshop im Rahmen des Stadtdialogs zum Zukunftsplan

„Bitte stellen sie sich vor, sie sind Stadtplanerin bzw. Stadtplaner. Sie haben die Aufgabe …“ – Ein Planspiel hatten Rostocks Stadtplaner und die von ihr beauftragte Hamburger Agentur Superurban für die Teilnehmer des Themenworkshops Umwelt im Rahmen der zweiten Beteiligungsphase zum „Stadtdialog Zukunftsplan“ vorbereitet. Andere arbeiteten sich in Gruppen an fünf Stationen an verschiedenen Fragestellungen ab: Welche Kriterien sollen für die bauliche Entwicklung gelten? Welche vorgeschlagenen Flächen können bebaut werden, welche lieber nicht? Welche Vor- und Nachteile haben Nachverdichtung und die Erschließung neuer Baugebiete? Welche Relevanz besitzen bestimmte naturräumliche Strukturen, wie Gewässer, Grünflächen oder Moore und wie sollen sie genutzt werden?

Wollen die Profis der Stadtverwaltung etwa anderen ihre Arbeit überlassen? Die Entwicklung eines neuen Flächennutzungsplanes, der hier Zukunftsplan genannt wird, wollen sie sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Dennoch sollen die betroffenen Rostocker mitreden, Anregungen geben, Tabus benennen. Schon zuvor wurden Wünsche via Internet und Infoständen sowie Experteneinschätzungen eingeholt.

Rostock probt die Bürgerbeteiligung. Obwohl in der Hansestadt auch bisher schon verschiedene Formen der Mitsprache bei städtischen Entscheidungen praktiziert wurden, soll die Einbeziehung interessierter Einwohner bei der Erstellung des neuen Flächennutzungsplanes die öffentliche Beteiligung auf eine neue Stufe hieven. Von Lackmustest ist da die Rede. Parallel entwickelt eine Arbeitsgruppe einen Bürgerbeteiligungsleitfaden.

„Um wirklich etwas zu verändern, muss viel mehr kommuniziert werden – zwischen Stadt und Land, aber auch mit den Bürgern“, fasst Birthe Buschek einen wichtigen Diskussionspunkt ihrer Gruppe zusammen. „Besonders bei einer Nachverdichtung wäre es schön, wenn die Anwohner vorher nicht nur informiert, sondern auch beteiligt werden“, wünscht sich Gabriele Köpke. Harry Boog kritisiert, dass die Verwaltung nicht nur bei solchen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen, sondern das ganze Jahr über für Bürger ansprechbar sein sollte.

Die Skepsis darüber, welchen Einfluss die Äußerungen der Bürger auf die weitere Entwicklung Rostocks haben, wurde in der Aula des Innerstädtischen Gymnasiums, wo sich zum Abschluss der Veranstaltung etwa 60 Workshopteilnehmer und Vertreter der Stadtverwaltung versammelt hatten, deutlich. „Ich wünsche mir, dass das hier kein Placebo wird, dass die Bürgerbeteiligung nicht einfach abgehakt wird und nachher machen gewisse Planer und Investoren doch ihr Ding“, befürchtet Axel Hamann und erntet dafür Applaus.

Schutzgebiete bei Diedrichshagen wieder als mögliche Bauflächen auf dem Plan

Workshopteilnehmer diskutieren Umweltaspekte eines neuen Flächennutzungsplanes
Workshopteilnehmer diskutieren Umweltaspekte eines neuen Flächennutzungsplanes

Diesen Verdacht hegt auch Uwe Jahnke. Der gebürtige Warnemünder macht sich besonders Gedanken um die beiden Untersuchungsgebiete westlich von Diedrichshagen, die als Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen sind. „Für beide Gebiete hat die Bürgerschaft im vergangenen Jahr festgelegt, dass dort nicht gebaut werden darf. Warum ist das hier noch ein Untersuchungsgebiet?“

Die Bürgerschaft habe den Beschluss jedoch nicht im Gesamtkomplex der Betrachtung der Hansestadt Rostock und von vielen Untersuchungsräumen getroffen. Eine Gesamtabwägung zwischen anderen Standorten wie Biestow oder Toitenwinkel müsse trotzdem stattfinden, ringt der Leiter des Amtes für Stadtplanung Ralph Müller um Glaubwürdigkeit.

„Wir wecken natürlich ganz große Erwartungen“, gibt er zu. „Am Ende entscheidet die Gemeindevertretung, das heißt die Bürgerschaft, auch wenn es nicht genau das ist, was Sie sich gewünscht haben.“

Wachstumsprognose in der Kritik

Für Kritik sorgte auch erneut die Wachstumsprognose Rostocks. Sie ist Anlass und Grundlage für die Erneuerung des Flächennutzungsplanes. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass die Einwohnerzahl in den nächsten 20 Jahren um 25.000 Menschen ansteigen wird. „Selbst ohne, dass ein einziger Einwohner dazukommt, gibt es einen erhöhten Bedarf in Rostock zu bauen“, erklärt Ralph Müller. Die Wohnansprüche und Haushaltsgrößen verändern sich. Heute wohnen statistische 1,7 bis 1,8 Menschen in einer Wohnung. Nur eine Fassadensanierung reiche nicht, damit Bestandshäuser gerade für junge Familien attraktiv werden. Auch für Einfamilienhäuser mit Grundstück gebe es eine gewisse Nachfrage. Der jetzige Leerstand von einem Prozent lässt keine gesunde Fluktuationsrate zu. Besonders die Wiro und andere Wohnungsunternehmen wollen darauf mit Neubauten reagieren.

Doch warum müsse das in der Hansestadt Rostock sein? So eine oft gestellte Frage der Teilnehmer des Umweltworkshops, die ein Interesse daran haben, möglichst viele Grünflächen in der Stadt zu erhalten. Uwe Jahnke schlägt vor, dass man sich mit den Umlandgemeinden einig werden solle. Dort gebe es jede Menge Bauland. Die Prognose sage aus, dass die Menschen vor allem aus Mecklenburg-Vorpommern in die Hansestadt ziehen wollen, so Juliane Bäthge. Daher fordert sie, dass die ländlichen Räume attraktiver gemacht werden sollen, sodass die Bewohner gar nicht nach Rostock ziehen müssten.

Der Themenworkshop Umwelt war der dritte von fünf öffentlichen Workshops. Aus den Ergebnisse werden nun verschiedene Szenarien entwickelt, die dann ebenfalls öffentlich diskutiert werden sollen. Weitere Informationen inkl. Dokumentation der Veranstaltungen gibt es auf der Website.

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