
Doch was kann Frau so lesen, wenn sie all ihre Lieblingsautoren abgegrast hat? Wenn sie sich nicht zu den Fans des typischen Frauenromans zählt, der immer dem gleichen Muster folgt? - Frau wird verlassen, gibt sich Liebeskummer und Schokolade hin, um dann mit neuer Power in den nächsten Lebensabschnitt zu starten. Dies wollte gestern Abend die Andere Buchhandlung zeigen.
Viele Frauen hatten sich entschlossen, der Einladung zur Lesung anlässlich des Internationalen Frauentages zu folgen. Allerdings fanden sich auch zwei oder drei Männer im Publikum. Zunächst einmal war der Platz jedoch so knapp, dass die Mitarbeiter der Buchhandlung kurzerhand die Regale zu Notsitzen umfunktionierten und den Laden abschließen mussten, damit die Zahl der Zuhörer nicht noch größer würde.

Obwohl fast alle einen wissenschaftlichen Grad oder Titel inne haben, nannten die Leserinnen bei der Vorstellung nur ihren Namen – ein Zeichen dafür, dass es an diesem Abend einfach ums Frau sein gehen sollte.

Im Laufe des Abends stellte die Informatikerin dann das Erstlingswerk einer noch unbekannten Fantasy-Autorin vor. Das Buch „AnWel“ hatte seltsamerweise kein Cover und war auch in der Anderen Buchhandlung noch nicht käuflich zu erwerben. Die Erklärung des seltsamen Phänomens war, dass sie selbst die Autorin war. Ihr Verlag hatte ihr allerdings kein Exemplar mit Cover zukommen lassen. Die Arbeit an ihrem Buch hatte der begeisterten Tolkien-Leserin so viel Freude bereitet, dass sie mittlerweile an einem zweiten Teil arbeitet.

Später am Abend offenbarte sie sich außerdem als großer Fan von Kinder- und Bilderbüchern und stellte unter anderem des „Schwarze Buch der Farben“ vor. Ein tatsächlich völlig schwarzes Buch, das blinden Kindern dank spezieller Drucktechniken eindrucksvoll Farben beschreibt. Beim Bilderbuch „Ein neues Land“ von Shaun Tan stellte sie fast resigniert fest „Tja, jetzt kann ich Ihnen gar nichts daraus vorlesen“, das Buch hätte sie jedoch ebenso gefesselt wie ein guter Krimi.
Katja Koch, Dozentin im Bereich Sonderpädagogik, nahm das Motto des Abends wörtlich und las mit „Schilf“ von Juli Zeh zunächst etwas anderes als auf dem Programmzettel vermerkt war.
Das Buch sei auch ein Kriminalroman, man könne es aber, so wie sie selbst, als „Einfach-nur-so-Roman“ lesen. Der Geschichte im Buch liegt die Theorie zugrunde, dass die Wahrheit und Realität, die man sieht, nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Zunächst, so Katja Koch, hätte sie das alles nicht so richtig verstanden und auch nicht so genau gewusst, was sie mit der Geschichte anfangen sollte, fand das Buch letztendlich aber gut. Eine Rezension in der „Zeit“ überraschte sie dann mit der folgenden Formulierung: „In dem Wissen, dass es nicht gut ist, kann man es mögen.“
Viola von Oeynhausen stellte Jose Saramagos „Die Stadt der Blinden“ dann auch nicht vor, weil sie es so sehr mochte, sondern weil die Geschichte so dramatisch und fesselnd ist. Es handelt sich bei dem Buch um eine tragische Gesellschaftsfiktion ähnlich der „Pest“ von Albert Camus und „Viel Spaß beim Lesen“ könne sie eigentlich auch nicht wünschen, versicherte aber, dass das Buch Gänsehaut verursachen werde. Mit ihrem zweiten gewählten Buch „Der Sieger bleibt allein“ blieb Viola von Oeynhausen dann ihrer Liebe zu den Büchern von Paulo Coelho treu. Diese, so die Physikerin, seien immer einfache Geschichten des alltäglichen Lebens, die mit viel Weisheit und Erkenntnis verwoben werden.

Im Verlauf der Veranstaltung gab es immer wieder kurze Atempausen, in denen Nadine Scholz und Anne Kretschmar mit ihren Querflöten für musikalische Unterhaltung sorgten. In einer längeren Pause zur Mitte des Abends hatte man die Gelegenheit, kurz frische Luft zu schnappen, sich im Laden nach den vorgestellten Büchern umzusehen oder ein Glas Wein zu trinken. Nach dieser Pause hatte sich das Platzproblem dann auch zu Gunsten einiger Gäste gelöst.

Weil die Veranstaltung zum Frauentag so beliebt ist, wolle man sie im nächsten Jahr auf jeden Fall wiederholen, dann allerdings möglicherweise mit Kartenvorverkauf, so dass sich niemand Sorgen machen muss, in der Anderen Buchhandlung keinen Platz mehr zu finden.