
Bereits bei der letzten Lesung von Matthias Politycki hatte meine Sitznachbarin prophezeit, dass das Rennen um den Publikumspreis an der Stelle noch längst nicht entschieden sei. Eva Menasse könne eine ernsthafte Konkurrentin für meinen persönlichen Favoriten Helmut Krausser sein, dessen Buch ich heute gerade endlich fertig gelesen habe.

Doch bekanntlich ist ja in der kleinsten Hütte Platz, und so wird dank Stehplätzen und Sitzkissen auf Bücherregalen schließlich doch niemand weggeschickt. Am Ende passen etwa 100 literaturbegeisterte Zuschauer in die kleine Buchhandlung, wer hätte das gedacht? Inhaber Manfred Keiper ist „überwältigt“ angesichts des unerwarteten Andrangs. Hätte man das vorher gewusst, wäre die Lesung sicher auch ins Peter-Weiss-Haus verlegt worden.
Eva Menasse erforscht in ihrem Erzählband „Lässliche Todsünden“ die sieben größten menschlichen Laster in unserer heutigen modernen Gesellschaft und verdeutlicht diese auf humorvolle aber oftmals traurig direkte Art und Weise. In den gleichnamigen Kapiteln werden Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Hochmut, Zorn, Neid und Habgier neu interpretiert, es wird sozusagen „neuer Wein in alte Schläuche“ gefüllt.
Zuerst liest Eva Menasse den Anfang ihres Buches, aus dem Kapitel „Zorn“. Nachdem wir dort die Hausfrau und Mutter Ilka kennen lernen durften, die mit ihren Nachbarn vom Schrebergarten und ihrer eigenen Familie zu kämpfen hat, geht es weiter zum nächsten Kapitel. Die Zuschauer dürfen zwischen „Trägheit“ und „Wollust“ wählen und entscheiden sich (natürlich) für letzteres.

Die Autorin bezeichnet ihr Verhältnis zur Religion allerdings als „freundlich distanziert“. Im Buch wurden viele biblische Begriffe benutzt, die allerdings im weltlichen Kontext stehen und so „überhaupt nicht ins religiöse führen“. Die sieben Todsünden wurden lediglich als „Gefäß“ für ihre Erzählungen verwendet und haben keinen tieferen religiösen Sinn.
