
Bisher war ich bei Lesungen ja eher überschaubare gemütliche Runden gewöhnt, sodass meine erste Veranstaltung bei Thalia zunächst schon ein kleiner Schock für mich war. Ein sehr großer Teil der oberen Etage, vom Piratenschiff bis zur Kalenderabteilung, war mit Stuhlreihen ausgestattet und größtenteils bereits belegt. Wer in der ersten Reihe sitzen wollte, musste wahrscheinlich schon zur Ladenöffnung am Morgen da gewesen sein...

Wallraffs größter Erfolg „Ganz unten“, mit millionenfacher Auflage, deckte einst den menschenverachtenden Handel mit Leiharbeitern in Deutschland auf und ist heute nach dem Schlecker-Skandal wieder aktueller denn je. Für sein aktuelles Buch „Aus der schönen neuen Welt“ ist der Autor wieder in verschiedene Rollen geschlüpft, um undercover Missstände unserer Gesellschaft aufzudecken.
Dass er während dieser ungewöhnlichen Recherche so einiges Erschütterndes erlebt hat, wird schnell deutlich. Beim Lesen aus seinem neuen Buch schaut er immer wieder hoch und erklärt die eine oder andere Begebenheit ausführlicher oder erzählt weitere lustige, oftmals aber auch traurige Erlebnisse, die er bei seinen „verdeckten Ermittlungen“ machen musste.

Mit schwarzer Lockenperücke und dunkler Hautfarbe habe er viel jünger und vorteilhafter ausgesehen, das Abschminken war dann schon immer etwas enttäuschend, berichtet Wallraff schmunzelnd. Seine falsche Hautfarbe wäre auch nicht aufgeflogen, da die Leute bei ihm nie so genau hin geschaut hätten.
In dieser Rolle ist der Autor ein Jahr lang mit versteckter Kamera durch Deutschland gereist, um das Verhalten Migranten gegenüber zu erforschen. Als Kvami Ogonno war er auf einer Bootstour, bei Fußballspielen, beim Camping und Behörden und hat dabei ganz erschreckende Erfahrungen gemacht, die jedes Klischee des fremdenfeindlichen Deutschen noch weit überbieten. Seine Lösung für das Problem: wenn Einheimische und Migranten schon als Kinder zusammen aufwachsen, würden die Vorurteile früh beseitigt werden und beide hätten später die gleichen Bildungschancen.
Neben dieser Rolle hat Günter Wallraff für seine Reportagen auch als Obdachloser in verschiedenen Heimen und sogar draußen geschlafen, als Call-Agent Billigwaren teuer am Telefon verkauft und unter katastrophalen Bedingungen bis zur Erschöpfung und Verbrennung für Lidl Brötchen gebacken. Seine erschreckenden Erlebnisse wurden auch als Filme dokumentiert, wie etwa „Bei Anruf Abzocke“ oder „Schwarz auf Weiß“.