Bald schon wird es wohl keinen Raum in der Hochschule für Musik und Theater (HMT) mehr geben, in dem ich noch nicht war. Gestern ging es in das Studio 1. Dort wurde das Stück „Aristokraten“ von Nikolai Pagodin präsentiert.

Am Fenster stand Ninka. Sie schien die beiden anderen und den Raum, in dem sie sich befanden, noch nicht sehr lange zu kennen. „Guckt euch bloß den Himmel an“, sprach sie. Die Njurka sah kurz auf und antwortet irgendetwas auf Russisch. Ninka: „Wie heißt das hier eigentlich?“. Njurka antwortete: „Karelien, dreckige Gegend“. Plötzlich meldete sich die Kulakenfrau zu Wort: „Erst schuften, dann verrecken“. Ninka: „Schuften?“. „Am Kanal, drüben“, erwiderte Njurka. Die Kulakenfrau daraufhin sehr nachdrücklich: „Aber ohne uns!“

Die Studierenden sind zukünftige Spielleiter. Später werden sie Schauspiele am Theater leiten. Damit sie aber auch einmal als Schauspieler erfahren, was es heißt, eine Gruppenszene zu inszenieren, wirkten sie an dieser Projektarbeit mit.
Nikolai Pagodin schrieb das Stück „Aristokraten“ 1932. Es wird zur russischen Revolutionsdramatik gezählt. Prof. Marion Küster, die das Projekt ebenfalls anleitete, gab eine kleine Einführung in die Thematik der Aufführung. 1931 hätten in Karelien die Bauarbeiten für den Weißmeer-Ostsee-Kanal begonnen, sagte sie. Diesen Kanal, der St. Peterburg mit der Barentssee verbinde, hätten unzählige Häftlinge mit erbaut. Stalin habe ihn initiiert, um außenpolitisch die Stärke des Sozialismus zu demonstrieren.
Die Häftlinge arbeiteten unter katastrophalen Bedingungen und hunderttausende starben dabei. Nikolai Pagodin war allerdings sehr pro-russisch eingestellt und so handelt sein Stück weniger von dieser negativen Seite des gigantischen Bauprojektes.
Zurück zur gestrigen Aufführung. Die Kulakenfrau war politischer Häftling. Ninka und die Njurka dagegen Kleinkriminelle. Die Njurka etwa hatte hauptberuflich Papiere gefälscht. Stolz zeigte sie der Landstreicherin Ninka den selbst gezeichneten Miliz-Stempel. Da brauste auch schon die Taschendiebin „Zitrone“ auf und legte sich sogleich mit Ninka an. Alle im Raum verstummten aber, als Sonja den Raum betrat. Sie wirkte überaus brutal und gefühlskalt. So wollte sie etwa mit der Kulakenfrau ein Kartenspiel um die kleine Ninka in Gange bringen. Doch diese zog es vor, um die Ehre zu spielen. Das genügte Sonja nicht.

Grund seines Erscheinens war aber eigentlich eine Liste für den Arbeitseinsatz am nächsten Tag. Er versuchte, die Frauen zur Mitarbeit zu überreden. „Vom Arbeiten sind schon Pferde verreckt“, antwortete Ninka ihm. Auch mit dem Argument der Haftzeitverkürzung durch Arbeit konnte der Kalfaktor keine der Frauen überzeugen. Am Ende fragte Sonja alle Frauen: „Will hier jemand den Sozialismus aufbauen?“ Nachdem sich niemand meldete, zerriss sie die Liste.

In dem kleinen Raum hatte ich den zukünftigen Spielleitern ganz aus der Nähe zuschauen können. Ihre schauspielerische Leistung faszinierte mich sehr.
Die unterschiedlichen Charaktere wurden derart glaubwürdig vorgeführt, dass ich wohl nichts Falsches behaupte, wenn ich sage, wer selbst so spielen kann, wird später grandios inszenieren und Schauspieler anleiten können.