Volkstheater protestiert gegen Kulturkahlschlag
Mitarbeiter des Rostocker Volkstheaters reißen vor dem Großen Haus eine symbolische Mauer gegen den Kulturabbau nieder
26. April 2012, von Stefanie
„Es kann nicht wahr sein, dass man das alles kaputtmacht“, zeigte sich Any dos Santos Lima verständnislos. Vor gut sieben Jahren ist die gebürtige Brasilianerin nach Rostock gekommen und mittlerweile Sängerin im Opernchor des Rostocker Volkstheaters. Die 34-Jährige schätzt die Kultur ihrer neuen Heimat: „Aus Deutschland kommen die wichtigsten Komponisten und Methoden. Es ist so wichtig, diese Kultur zu erhalten.“ Für sie ist es daher ganz klar der falsche Weg, Theater- und Orchesterlandschaft in unserem Land abzubauen.
Um das zu demonstrieren, schloss sie sich heute Mittag der Protestaktion vor dem Großen Haus des Volkstheaters an, das nach der Schließung wegen baulicher Sicherheitsmängel Sinnbild für den ruinösen Umgang mit Rostocks Theater geworden ist.

„Gegen Kulturkahlschlag“, „Theater für eine lebenswerte Stadt“, „Theater ist ein Standortfaktor“ – war auf den Schildern zu lesen, mit denen die Mitarbeiter aus allen vier Sparten und den vielen Gewerken des Volkstheaters ihre Position zum Ausdruck brachten. Wie an die Wand gestellt drängten sie sich unter das Vordach des Hauses, wo sie eine symbolische Mauer mit den Buchstaben FAG niederrissen. FAG steht für das Finanzierungsausgleichsgesetz, in dem die Landesförderung für Theater und Orchester auf jährlich 35,8 Millionen Euro festgelegt ist.

„Gewerkschaften und Beschäftigte von Theater und Orchester appellieren eindringlich an die Landesregierung, die seit 1994 eingefrorenen Zuschüsse endlich zu erhöhen“, betonte Betriebsratsvorsitzender Nils Pille in seiner Ansprache. Mindestens ein Inflationsausgleich sollte aufgenommen werden, so die Forderung. Die unveränderte Höhe der Förderung hatte in den letzten 15 Jahren zu einem massiven Stellenabbau in den Theatern und Orchestern sowie zu Diskussionen über Schließungen und Fusionen der Einrichtungen geführt.
Dabei sei der Anteil der Förderung pro Kopf geringer als in anderen Ländern. „Das heißt, wir arbeiten sehr effizient“, vergleicht Intendant Peter Leonard. „Mit seinen Theatern habe Deutschland sich ein großes Erbe geschaffen. Es ist ein Weltunikum, die Verantwortung dafür an zukünftige Generationen weiter zu tragen, ist nicht nur Aufgabe der Theaterleute, sondern auch der politisch Verantwortlichen“, so der Amerikaner weiter.

„Die Menschen wissen erst, was sie verloren haben, wenn es weg ist“, meint Teresa Lucia Forstreuter, die ebenfalls einen Kulturkahlschlag befürchtet. „Ich finde es gut, dass ich hier bin. Dennoch ist die Situation belastend und traurig“, beschreibt das Ensemblemitglied des Tanztheaters ihre Situation am Rostocker Volkstheater.
„Bei den ständigen Diskussionen über Streichungen und Kürzungen, kommt man sich weggespart vor. Klar, viele Theater haben Probleme, aber hier ist es schon echt extrem. Teilweise denkt man, es ist fahrlässig, wie die Stadt und das Land mit dem Theater umgehen“, so Schauspieler Paul Walther, der mit drei anderen Kollegen zum Ende der Spielzeit das Rostocker Volkstheater verlassen wird.
Landesweit finden in diesen Tagen Protestaktionen der Theater gegen die Deckelung der FAG-Mittel durch die Landesregierung statt. Nachdem im vergangen Herbst etwa 50.000 Unterschriften durch die Initiative „Für den Erhalt der Theater- und Orchesterstrukturen in Mecklenburg-Vorpommern“ gesammelt wurden, hat sich heute der Landtag in Schwerin mit dem Thema befasst.
Der Antrag der Linken zur Theaterfinanzierung, für den auch die Grünen stimmten, wurde abgelehnt. Mehr Geld möchte Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) den Theatern im Lande nicht zukommen lassen. Stattdessen soll erstmal ein Gutachter mindestens fünf verschiedene Modelle zur Weiterentwicklung der Theater- und Orchesterstrukturen in Mecklenburg-Vorpommern erarbeiten.