Wiglaf Droste liest im Literaturhaus Rostock

Was der Autor so „am Nebentisch belauscht“

8. März 2010, von
Wiglaf Droste kontemplativ und philosophisch
Wiglaf Droste kontemplativ und philosophisch

Wiglaf Droste im Peter-Weiss-Haus und ich bin dabei! Rechtzeitig vor Ort und einen vorderen Platz ergattert, habe ich mich am Samstagabend für einen kleinen Moment wie ein VIP gefühlt. Das Gefühl relativierte sich allerdings schnell: Nachdem man eine dreiviertel Stunde lang mit Wartemusik in Form von Johnny Cashs bittersüßesten Songs beschallt wurde, stiegen fast schon leicht depressive Anflüge in mir auf.

Außerdem bewahrheitete sich an diesem Abend mal wieder der biblische Spruch „Die Letzten werden die Ersten sein“. Die Hütte war so voll, dass für die Nachzügler noch zusätzliche Stühle geholt und vorn sowie in der Mitte aufgestellt wurden. “Der letzte Drücker ist längst zum Lebensentwurf geworden“, bemerkte der Künstler selbst im Laufe der Lesung in einem seiner Texte.

Wiglaf Droste nahm dann auch bald an seinem Lesetisch Platz und entschuldigte sich, dass er so spät käme – fünf Wochen zu spät. Denn eigentlich war die vom Literaturhaus Rostock organisierte Lesung schon für den 30. Januar angesetzt, musste allerdings wegen Krankheit abgesagt werden. Wer sich noch an Keziban und das Schneechaos an jenem Tag erinnert, dürfte über die Verschiebung nicht böse gewesen sein. Mit dem Nachholtermin am Samstagabend war jedenfalls für ein Happy End gesorgt.

Wiglaf Droste jetzt auch mit Lesebrille
Wiglaf Droste jetzt auch mit Lesebrille

Den Auftakt des Abends bildete erfreulicherweise „Im Sparadies der Friseure“, genau der Text, der mich zum Fan von Wiglaf Droste werden ließ. „Cuthaarstrofal“, „Vier Haareszeiten“ und „cHAARisma“ waren nur einige haarige Beispiele von kreativer Namensgebung bei Friseuren, die der Autor beobachtet hat.

Weiter ging es mit einer Geschichte über ein Scrabble-Match mit mindestens genauso fantasievollen Wortschöpfungen, gefolgt von einer Hymne auf die Lesebrille, die Wiglaf Droste passenderweise mit Nasenfahrrad vortrug. Bei der Suche nach der Lösung des Lesebrillenproblems wurde er offensichtlich von einer jungen Optikerin mit unzulänglichem Messgerät darauf hingewiesen, dass sein Kopf zu groß wäre und die Augen zu weit auseinander stünden. Sowas aber auch!

Wiglaf Droste ist im ostwestfälischen Herford geboren und in Bielefeld aufgewachsen. Nachdem mich in den letzten Jahren in Rostock auch schon mal der Winterblues gepackt hatte, kam folgender Ratschlag genau richtig: „Wenn sie mal denken, in Rostock sei es nicht so schön, denken Sie einfach an Bielefeld.“ Nun weiß natürlich jeder halbwegs gebildete Internetuser, dass es Bielefeld überhaupt nicht gibt, es sich dabei lediglich um eine große Verschwörung handelt. Sollte Wiglaf womöglich gar einer von IHNEN sein…?

Nun, keiner fabuliert so schön wie Wiglaf Droste, manchmal literarisch kunstvoll, ein anderes Mal fast schon banal und polemisch, dann aber auch mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Es kann nicht jeder Witz bei jedem Publikum gleich gut ankommen, obwohl bei ihm wirklich alle ihr Fett weg bekommen: Bayern, Sachsen, Berliner, Bauarbeiter, der Papst und auch sich selbst nimmt er nicht aus.

Wiglaf Droste Publikum in Rostock
Wiglaf Droste Publikum in Rostock

Der Klassiker „Grönemeyer kann nicht tanzen“ gehörte ebenso zum Programm wie kulinarische Poesie – „Gabi, Sake, Wasabi Dir denn nur angetan!“ – und Günther Grass‘ greisengeile Gedichte werden genauso kritisiert wie der Kapitalismus.

Da ich auf Usedom groß geworden bin, dessen Seebäder schon seit über einem Jahrhundert als die „Badewanne Berlins“ gelten, konnte ich mich köstlich über die Geschichte vom Berliner Tagestouristen amüsieren.

Den bitterbösen Schlusssatz „So kann det ja nüscht werden im Osten!“ kennen eben nicht nur die Brandenburger, sondern auch die Mecklenburger und Vorpommern schon zur Genüge.

Wiglaf Droste
Wiglaf Droste

Alles in allem war die Lesung ein gelungener Rundumschlag. Die herzhaften Lacher des Publikums konnten dies nur bestätigen. Zum Schluss fühlte ich mich wegen meiner Reaktion auf die Wartemusik am Anfang etwas peinlich berührt. Denn Wiglaf Droste erklärte seine Liebe zu Johnny Cash und schloss mit einer kurzen Interpretation einiger Zeilen von Southern Accent, einmal im Sinne von Cash und dann auf die eigene westfälische Herkunft umgemünzt.

Dann war es leider auch schon vorbei und Wiglaf von der Bühne verschwunden. Die Versuche einiger unersättlicher Zuschauer, mit Klatschen im Takt eine Zugabe herauf zu beschwören, wurden von Zuschauern, die gleich aufsprangen und losgingen im Keim erstickt. Wer aber tatsächlich noch nicht genug von Wiglaf Droste hatte, konnte bei Sequential Art, der Buchhandlung im Peter-Weiss-Haus, einige seiner Bücher kaufen und noch am Abend signieren lassen.

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