

Vor Beginn der Lesung kam ich mit einer Dame ins Gespräch. Sie schilderte mir, dass sie Joachim Gauck im Jahr 1989 im Doberaner Münster bei einer Rede erleben durfte. Daher war sie überzeugt, einen tollen Abend vor sich zu haben.
Nach einer kurzen Einleitung, in der Joachim Gauck schilderte, dass er sehr aufgeregt sei und doch lieber rede als lese, griff er zum Buch. Als langjähriger Pastor überzeugte er als versierter Redner. Ein wenig vom Anfang, etwas vom Ende und auch was dazwischen wollte er lesen. Er zitierte Walter Kempowski „Heimat sei ein Ort früherer Leiden“ – erst später sei ihm die Bedeutung dieses Ausspruchs verständlich geworden.

„Der Intershop ist Ausland im Inland“ oder „Das Eis in Warnemünde schmeckt viel besser als das Eis in Kopenhagen“ waren Beispiele aus seinem Leben in der DDR und der Versuch dieses Regime zu erklären bzw. zu entschuldigen. Drei seiner vier Kinder verließen den studierten Theologen (Universität Rostock) noch vor der Wende in Richtung Westen. Offen und unverklärt sprach er über seine Gefühle und seinen Schmerz zu dieser Zeit: „Ich wünschte, Sie würden bleiben!“.
Gauck wurde sogar einmal als „Revolutionspastor“ bezeichnet, was ihn aber nicht störte. Amüsant sprach er von seinen Tätigkeiten als erster Bundesbeauftragter für Stasiunterlagen und nannte das Kapitel: „Behörde – Aufbau ohne Bauplan“. 180 Kilometer Akten und bald 3000 Mitarbeiter sollten erst einmal koordiniert werden. Viel Mut sei nötig, um sich die eigene Akte anzusehen. Von Wut und Freude bis hin zu Trauer oder großen Überraschungen sind vielerlei Reaktionen möglich.
Zum Nachdenken angeregt (Gauck: „Manchmal holt mich die Sehnsucht nach der Sehnsucht ein“) und berührt waren sich wohl alle einig, einen tollen Abend erlebt zu haben. Nach knapp zweistündiger Lesung schloss sich die Signierung seines Werkes „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ an - der Ansturm am Tisch war beträchtlich. Frau Röwekamp dankte am Ende noch einmal im Namen aller Anwesenden für einen hoch emotionalen Einblick und Rückblick.